Mein Halberstadt – ein Bericht von Frau Christa Frentzen

Halberstadt war für mich als Kind und auch als junges Mädchen einfach die schönste Stadt und ich bekam, wenn ich auch nur ein paar Tage verreist war, sofort Heimweh. Die Stadt hatte so etwas Gemütliches, alles war so eng beieinander, man konnte herrlich bummeln. Mein Schulweg führte den Hohen Weg hoch, wo es rechts und links überall Geschäfte gab, die vielen Schaufenster bis hoch in die Schmiedestraße. Dort ebenfalls auf beiden Seiten die kleinen und großen Geschäfte, gemütliche Konditoreien und Lokale. Die beiden Märkte, Holz- und Fischmarkt waren ein Traum an Gemütlichkeit mit vielen Läden, Kaffees und großen Lokalen, wo auch zum Tanz aufgespielt wurde. Es gingen von den Märkten ja noch mehrere Straßen ab, die heute gar nicht mehr bestehen. Auch die Kühlinger Straße war auf beiden Seiten bespickt mit Geschäften, Lokalen und Kino. Die Hauptbummelzone war der Breite Weg mit seinen vielen kleinen und großen Kaufhäusern, Kaffees, Hotels, drei Eisdielen. Es machte einfach Spaß durch unsere Stadt zu gehen. Und dann der Schock, der 8. April 1945, alles was man liebte an dieser Stadt, schlagartig weg. Ich kann es bis heute noch nicht verkraften, es tut immer noch weh!
Die ersten kleinen Angriffe auf Halberstadt hatten uns schon erschreckt, wir hatten bei Voralarm die Stadt verlassen in Richtung Huy und mussten uns dort schnell in den Straßengraben werfen, da wir von Tieffliegern beschossen wurden, hatten schreckliche Angst. Den zweiten Angriff, wo es auch Tote zu beklagen gab, hab ich nicht miterlebt, da ich vom Arbeitsdienst zur Luftwaffe verpflichtet war bei Haldensleben. Dort war ich bis Anfang März 1945 und freute mich wahnsinnig endlich wieder nach Hause, nach Halberstadt zu kommen. Diese Freude war leider nur kurz!
Der 8. April 1945 war ein wunderschöner, sonniger, warmer Tag. Es war Sonntag, mein Vater war schon am frühen Morgen mit einem LKW nach Kalbe gefahren, um Halberstadts Versorgung mit Lebensmitteln abzusichern. Wir hatten einen Lebensmittelgroßhandel und im Krieg spielte es keine Rolle, ob es nun Sonntag oder ein anderer Tag war. Meine Aufgabe war es, Sonntags die Geschäftspost aus der Post, dem Schließfach, abzuholen. Wie immer machte ich, ehe ich losging, das Radio an. Da ich ja bei der Luftwaffe war und dort die Aufzeichnungen machen musste, die dafür sorgten, dass rechtzeitig Alarm bei Feindanflug ausgelöst wurde, kannte ich die Zeichen. Ich war erschüttert, als der Ansager meines speziellen Senders sagte: „Besondere Warnung für IDA-CÄSAR 4!“
Ich wusste ja, dass in dem Quadrat Halberstadt lag und wusste auch, dass ich jetzt nicht zur Post gehe.
Ich ging zu meiner Mutter in die Küche, wo sie am Werkeln war mit dem Sonntagsbraten, „Rouladen“, die wir nie mehr gesehen haben, und eine Mohntorte war im Herd, die wir am Nachmittag ins Lazarett zu meinem verwundeten Cousin bringen wollten. Ich sagte: „ Lass uns aufhören und uns anziehen, es wird bald Alarm geben!“ Mutti meinte: „Ich mache erst alles fertig, damit wir nachher gleich essen können.“ ich lief zu meiner Freundin auf gleicher Etage, um sie alle zu warnen, da kam schon der Voralarm. Wir beide sind auf das Trockendach gelaufen mit einem Fliegerleutnant, der gerade auf Urlaub war, um zu gucken, ob wir irgendetwas sehen.
Plötzlich zeigte der Leutnant zum Himmel: „Da, Weihnachtsbäume (Leuchtkugeln in Baumform), los runter in den Keller!“ Indem kam auch schon Alarm. Ich schnell in unsere Wohnung, meine Mutti geschnappt und in den Luftschutzkeller. Dort war inzwischen die Hausgemeinschaft, ungefähr 20 Personen, versammelt, darunter auch 5 kleine Kinder und 1 Baby. Der Keller war mit dicken Balken abgestützt, im Kreis standen Stühle, Wassereimer, Feuerklatschen und Luftschutzbetten.
Wir saßen dort alle mit unserem Gepäck, was man so braucht und Gasmaske im Arm und dachten, na ja hoffentlich dauert der Alarm nicht so lange. Nachts war es ja immer schlimmer, weil man aus dem Schlaf gerissen wurde und sich schnell anziehen musste und in den kalten Keller.
Diesmal war alles ganz anders, es ging alles so schnell. Es fing an zu krachen, erst aus der Ferne, dann immer näher kommend. Das Licht ging aus, Staub kam durch alle Ritzen, es schwankte, die Kinder weinten laut. Man hatte das Gefühl, bei dem nächsten Krach seid ihr dran. Ich war 17 Jahre alt und hab gebetet: „Lieber Gott, lass mich noch nicht sterben, ich bin doch noch so jung!“ Hab immer nur die Hände gefaltet und war ganz ruhig. Andere warfen sich schreiend zu Boden und mussten beruhigt werden. Mutti und ich drückten unsere Hände und dachten an Vati, der ja nun vor Halberstadt stand mit seinem LKW und nicht rein durfte. Er musste von außen den Angriff auf Halberstadt mit ansehen und ist bald wahnsinnig vor Angst um uns geworden.
Wir im Keller horchten auf, es war so unheimlich still geworden. Zwei Männer nahmen ihre Taschenlampen und wagten sich zum Kellerausgang und zur Hoftür. Sie kamen zurück und sagten: „Ihr könnt alle raus, es ist vorbei!“ Jetzt heißt es nur noch: „Rette sich, wer kann!“
Unser Haus Hoher Weg Nr. 43 stand noch, aber wo war der schöne Tag geblieben und die Sonne? Es war dunkel geworden, schwarze Rauchschwaden zogen über uns hinweg, Asche, Brandgeruch.
Wir liefen alle in unsere Wohnungen, um noch etwas zu retten. Die Türen und Fenster waren alle herausgeflogen, Gardinen hingen in Fetzen, Schränke umgefallen, alles sah aus wie ein Schlachtfeld.
Inzwischen war mein Vater zu Fuß von der Chaussee gekommen, Autos kamen nicht mehr durch. Er war fix und fertig vor Angst um uns und der Kletterei über Trümmer. Wir warfen noch Betten und Wolldecken aus dem Fenster, ich holte aus der Küche einen großen Kochtopf, den ich zweimal füllte, einmal mit Erbsen, damit fiel ich im Flur hin, die Erbsen waren weg, dann noch mal mit Bohnen, aber auch die habe ich nicht durch den Flur bekommen, weil alles schrie: „Los raus hier!“. Es war wenigstens der leere Kochtopf, der gerettet war und uns später sehr nützte.
Es hat jetzt keiner mehr nach dem anderen gesehen. Wo sie alle hingelaufen sind, ich weiß es nicht.
Auf dem unteren Hohen Weg hingen die Straßenbahnkabel auf der Erde, wo sich ein Kabel in einem Rad unseres Pferdewagens verfangen hatte. Wir mussten doch unsere zwei Pferde retten. Mein Vater hat mit letzter Kraft das Kabel mit einem großen Bolzenschneider durchtrennt. Es war höchste Eisenbahn, dass wir aus dem Hohen Weg kamen, denn die Häuser rechts und links vor der Katharinenkirche brannten wie Fackeln und stürzten, kaum dass wir durch waren, um.
Ein letzter Blick auf unser schönes Zuhause, wir hatten alles verloren.
Auch mein Mann, er wohnte auf dem Holzmarkt, wo jetzt die Passage steht, hat dort alles verloren. Er hat noch mit ansehen müssen, wie die Türme der Martinikirche lichterloh brannten und sich durch die Hitze gen Himmel hoben, um dann glühend auf die Stadt zu stürzen.
Verloren haben wir auch bei dem Angriff liebe Verwandte in der Paulsstraße und in der Quedlinburger Straße, die furchtbar durch Phosphorbomben umgekommen sind.
Unser Leben ging weiter bei Bekannten im Garten, wo sich inzwischen 15 Personen eingefunden hatten. Dank des warmen Wetters konnten wir alle im Freien mit Wolldecken schlafen. Wenn ich weiter schreibe, wird es ein Roman.
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Gedanken und Ergänzungen zu den Aufzeichnungen meines Vaters Otto Fuhrmeister (geb. 18.02.1885) von Gerda Wozniak, geb. Fuhrmeister

Nach fast 50 Jahren schrieb ich jetzt für meine Nachkommen die Erinnerungen meines Vaters ab, da die nicht mehr gebräuchliche Sütterlinschrift nur schwer lesbar ist. Viele Erinnerungen wurden wach!
Manches aus den Aufzeichnungen ist für die heutige Generation, die mit Radio und Fernsehen und mit größerer Medienvielfalt aufwächst, wohl kurios. Nach 50 Jahren ist natürlich die Sicht auf das Hitler-Regime eine ganz andere, als die damals. Über die Ursachen des Krieges war nicht viel bekannt und nur die Version Hitlers wurde propagiert. Möglichkeiten, sich anders zu orientieren, gab es so gut wie nicht für den normalen Bürger. Wir bekamen etwa 1936 unser erstes Radio, einen sogenannten „Goebbelsempfänger“ (Goebbelsschnauze). Ausländische Sender zu hören war verboten und auch schwierig zu empfangen. Nur gelegentlich konnten wir den Sender „Hilversum“ in den letzten Kriegsjahren heimlich im Keller per Drahtfunk empfangen. Niemand aus unserer Familie war jemals Mitglied in einer Nazipartei oder im BDM. In den Aufzeichnungen meines Vaters fällt mir besonders auf, dass er in erster Linie nur von sich spricht. Er war ein großer Egoist. Meine Mutter hatte es nie leicht mit ihm. Trotzdem hatte ich eine glückliche Kindheit und spürte die Liebe beider Elternteile und der Großeltern. Der Familienzusammenhalt mit den Großeltern und Dorsts – Schwester meiner Großmutter, Minna Fuhrmeister, war groß. Es verging kaum ein Wochenende, wo nicht etwas gemeinsames unternommen wurde. Wanderungen und Ausflüge in die schönen Halberstädter Wälder und in den Harz gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen, sowie auch die schönen lustigen Familienfeiern, wo mein Vater mit seiner Unterhaltungskunst brillierte und Hahn im Korbe war. Leider war er auch ein Bruder Leichtfuß und konnte schlecht mit Geld umgehen. Durch den Verlust seines Vermögens in der Inflationszeit, in den zwanziger Jahren und die Weltwirtschaftskrise um 1930 stürzte er sich in Schulden. Meine Eltern hatten große Sorgen, so dass sie unsere Buchbinderei und das Papiergeschäft 1934 aufgeben mussten. Als Kind merkte ich jedoch kaum etwas davon, meine Eltern hielten alles von mir fern. Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend.
Nun zu der Zeit nach der Ausbombung 1945:
Wir hatten unseren Keller, wo wir während des Luftangriffs waren, nur mit Mühe durch den Ausstiegsschacht verlassen können. Wir retteten also nur das nackte Leben und hatten an Kleidung nur das, was wir auf dem Leibe hatten. Es fehlte an allem nach dem Kriege:
Lebensmittel, Brennmaterial, Kleidung – einfach alles.
Auch unsere Verwandten waren sämtlich ausgebombt.
Unser großes Glück war, dass Helmut bereits Ende Juni 1945 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Er war seit 1935 bei der Marine und im Krieg im U-Booteinsatz. Nur jeder 3. U-Bootfahrer überlebte.
Bei Helmuts Eltern auf der Hühnerbrücke bekamen wir dann Unterkunft, auch dieses Haus war z.T. bombengeschädigt. Wir halfen beim Wiederaufbau kräftig mit. Hier wohnten wir bis 1950. Inge wurde 1949 geboren. Nun galt es zu überleben. Helmut bekam sofort Arbeit als Elektriker und arbeitete privat nach Feierabend gegen Lebensmittel und Bekleidung. Aus zerbombten Eisenbahnwaggons baute er elektrische Heizspiralen aus. Davon baute er elektrische Kocher und Stalllampen mit Akku, die wir auf den benachbarten Dörfern gegen Lebensmittel und Kleidung tauschten. Wir drehten oft bis spät in die Nacht Heizspiralen.
So kamen wir ganz gut über die Runden. Holz- und Kohlen holten wir aus Trümmergrundstücken und vom Flugplatz, so dass wir es auch immer warm hatten. Mit einer großen zweirädrigen Karre schafften wir alles heran. Einige Male haben wir mit dieser Karre sogar Kohlen und Kartoffeln zu meinen Eltern nach Dingelstedt gebracht. Auch andere Lebensmittel brachten wir ihnen – immer zu Fuß über den Huy – 12 km hin und 12 km zurück. Auch später mit dem Zug und dem Fahrrad. Und es machte uns sogar noch Spaß. Heike war immer mit von der Partie, und durch den Huy war es für sie immer ein schöner Ausflug. Durch die zunehmende Verbitterung und Krankheit meines Vaters hatte es Oma Conni in Dingelstedt sehr schwer. Sie war ja auch schon 60 Jahre alt und musste nun fast täglich in den Huy zum Holz sammeln, welches sie mit zwei Taschen nach Hause schleppte. Die Bauern gaben ja nichts ab ohne Tauschobjekte. Abends strickte sie nun noch Pullover und Jacken für die Bauern gegen Bezahlung und manches Mal auch für Lebensmittel.
Helmuts Vater war als Fleischer bei der Wurstfabrik von Heine in Halberstadt tätig und brachte uns wöchentlich ein schönes Paket mit Fleisch und Wurst mit, wovon wir auch oft etwas nach Dingelstedt gaben.
Als mein Vater im Februar 1949 starb, holten wir meine Mutter zu uns nach Halberstadt, wo sie es nun leichter hatte. Sie widmete sich den Enkelkindern: Heike war 6 Jahre alt und Inge wurde am 20.05.1949 geboren. Trotz Kleiderkarten gab es kaum etwas dafür zu kaufen, was natürlich für ein zu erwartendes Baby bedeutete: es gibt keine Babysachen. Also wurde Helmut wieder aktiv und arbeitet nur für Materialien, aus denen ich Babywäsche machen konnte. So bestanden die Windeln nur aus Bettlaken, und Jäckchen usw. strickte ich aus Garnen, die in der Schlauchfabrik für Fahrradmäntel benutzt wurden. Die Arbeiter dort bedienten sich damit und tauschten dafür andere Sachen. Die Freude über jedes neu errungene Stück war groß. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen, und trotzdem waren wir glücklich, wir waren jung und gesund.
Helmut machte zuerst 1949 seine Elektromeisterprüfung und einige Jahre später das Examen zum Elektroingenieur. Seit 1946 war er bei der Reichsbahn tätig, und 1950 zogen wir in die Maybachstr. 2 um. Als Helmut dann 1952 in die Reichsbahndirektion nach Magdeburg versetzt wurde, konnten wir 1956 eine sehr schöne Wohnung in Magdeburg, Klopstockstr. 6 beziehen. Unsere Oma wohnte bis zu ihrem Tode bei uns (1973). Die Kinder liebten sie sehr und wir hatten nie Streit.
Helmut ging als Reichsbahnrat in Pension.
Ich selbst hatte Buchhändlerin bei der Fa. Rudolf Schönherr in Halberstadt von 1935-1938 gelernt, war dann dienstverpflichtet bei den Junkers-Werken in Halberstadt und habe dort bis 1942 gearbeitet. 1951 nahm ich meinen Beruf im „Bücherfreund“ Halberstadt wieder auf und war danach von 1953-1956 als Bibliothekarin tätig. Als wir 1956 nach Magdeburg kamen, habe ich auch dort in der späteren Hochschulbibliothek der technischen Hochschule „Otto von Guericke“ – Jetzt Universität – als Bibliothekarin gearbeitet bis zum 63. Lebensjahr. Es war eine schöne Zeit – ich habe diesen Beruf geliebt. So war unser Leben – es ging immer weiter bergauf – unsere Kinder haben uns immer viel Freude gemacht. Ich kann sagen, und das war auch Helmuts Meinung, dass uns alle Kinder, Enkel, Urenkel und ihre Ehepartner sehr ans Herz gewachsen sind. Wir hatten Glück!!! 51 schöne Ehejahre haben wir in Liebe und Frieden erleben dürfen. Dafür bin ich dankbar.
Für alle Nachkommen hoffe ich auf eine schöne, friedliche Zukunft bei bester Gesundheit und Harmonie mit allen Familienmitgliedern – das war auch bis zuletzt Helmuts Wunsch.
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„Das war ein Ereignis, das ich nie in meinem Leben wieder vergessen kann. Ich seh´ das heute noch vor mir“ von Horst Zilling

Die 1200 Jahre alte ehemalige Bischofsstadt Halberstadt, am Nordrand des Harzes gelegen, ist allemal einen Besuch wert. Beeindruckend ist der mittelalterliche Stadtkern, mit den alten Fachwerkbauten und die historischen Gebäude rund um den Dom.
Auch in Halberstadt ist die Bibliothek in einem wunderschönen Gebäude untergebracht und zwar im ehemaligen Bischofssitz im Petershof auf dem Domplatz. Unser Erzählcafé findet in einem kleinen Veranstaltungsraum ganz oben unter dem Dach des ehrwürdigen und liebevoll restaurierten Gebäudes statt. Unser Zeitzeuge ist Horst Zilling, ein gebürtiger Halberstädter.
Zunächst fragt er die anwesenden Jugendlichen nach ihrer Kindheit. „Die Kinderzeit“ stellt er resümierend fest „war eigentlich immer die schönste Zeit – bei mir persönlich war das nicht ganz so“. Geboren wurde er im Jahr 1936 und er erinnert sich, dass die Zeit bis etwa zu seinem sechsten Lebensjahr noch relativ ruhig verlaufen ist. Bis dahin lebte er mit seinen Eltern in einem Geschäftshaus im Zentrum von Halberstadt, bei der sogenannten Münze. Die Großmutter führte in diesem Haus eine Wildhandlung. Hasen, Rehe, Wildschweine, Fasane und ähnliches Getier wurden dort zu Fleisch verarbeitet und verkauft. Auch die Mutter von Horst Zilling arbeitet in diesem Geschäft mit, der Vater war hingegen Zugführer.
Durch das Geschäft seiner Großmutter hatte der kleine Horst Zilling einen großen Freundeskreis in der Stadt. Denn er hatte ja den direkten Zugang zu den Fasanenfedern, mit denen man sich ein prächtiges Indianerkostüm herstellen konnte – „es gab keine bessere Indianergruppe in Halberstadt als hinter der Münze“. Zu jener Zeit gab es viele Soldaten in der Stadt – vier große Kasernen und einen Flugplatz und jeden Sonntag Vormittag ein Konzert der Militärkapellen auf dem Holzmarkt. Und dann kam der Krieg. In den Zeitungen fanden sich plötzlich Todesanzeigen, links oben in der Ecke war jeweils ein „Eisernes Kreuz“ eingedruckt, darunter stand der Name und danach hieß es dann „Gefallen für Führer, Reich und Vaterland“. Und diese Todesanzeigen wurden immer mehr. Zunächst war es nur eine halbe Seite, dann eine ganze und später mehrere Seiten voller Todesanzeigen... „und unter den vielen Todesanzeigen fanden sich auch Namen aus der Familie.“ Er erinnert sich auch noch gut daran, dass in der Schule in den Klassen immer mehr Kinder waren, Kinder aus den Großstädten, die evakuiert worden waren, weil ihr Zuhause nicht mehr existierte – ausgebombt.
Immer wieder gab es Fliegeralarm, meist nachts, und dann sahen die Halberstädter die großen Bomberverbände über den halberstädtischen Nachthimmel ziehen. Dennoch war es in Halberstadt relativ ruhig. Allerdings mussten die Kinder aus den Schulen ausziehen, weil man alle Schulen Halberstadts zu Lazaretten umfunktioniert hatte. Unterrichtet wurden die Kinder in Gaststätten oder den Speisesälen einer Fabrik. Auch daran, dass sie plötzlich andere Lehrer hatten, alte Lehrer, die eigentlich schon längst im Ruhestand waren, oder Lehrer, denen ein Arm oder ein Bein fehlte.
Trotzdem war Halberstadt weitgehend verschont geblieben – zumindest von den Bomben. Halberstadt hatte zu Beginn des Krieges etwa 55. 000 Einwohner und war wegen seiner prächtigen Architektur eine der schönsten Städte Nord- und Mitteldeutschlands – auch bezeichnet als das „Rothenburg des Nordens“. Hinzu kamen gegen Ende des Krieges etwa 3.000 schwerverwundete Soldaten und eine große Zahl von Bombenflüchtlingen aus den deutschen Großstädten.
Dann erzählt Horst Zilling vom Jungvolk und der Hitler-Jugend, von den Uniformen, in die sie gesteckt wurden, von den Diensten, vom Exerzieren, von der Ausbildung, die die Kinder erhielten, zunächst an einem Luftgewehr und dann am Kleinkalibergewehr. Die „Dienste“ fanden immer mittwochs und samstags statt. Diese „Dienste“ endeten in Halberstadt am 7. April 1945. Horst Zilling wählte seine Worte mit Bedacht – er erzählt langsam und ruhig weiter. Hier sein wörtlicher Augenzeugenbericht dessen, was an den folgenden Tagen in Halberstadt geschah:

„ Am Bahnhof Halberstadt in den späten Nachmittagsstunden – dort war ein Zug bombardiert worden in den Mittagsstunden und dieser Zug hatte Munition geladen, Artilleriemunition und Seeminen. Und dieser Zug ist in die Luft geflogen und hat den ganzen Bahnhof dermaßen zerstört, dass dort, wo man jetzt nach Blankenburg fährt, auf dem Gleis, dort befand sich dann ein Riesen-Trichter mit einem Durchmesser von zwanzig Metern und einer Tiefe von sechs Metern und ringsum war kein Gebäude mehr da. Der Bahnhof war aber voller Menschen und vor dem Bahnhof da hatte man in Kriegszeiten Bunker in die Erde rein versenkt aus Beton. Und durch eine Luftmine unmittelbar in diesem Gebiet waren die Menschen, die in diesen Bunkern Zuflucht gesucht hatten, alle tot. Und – die saßen in diesen Bunkern, - ohne dass sie verletzt waren, so grau wie die chinesischen Terracotta-Soldaten, die man ausgegraben hat – so grau saße die dort, durch diesen Staub, den Zementstaub. Und ich hatte mit elf Jahren, mit ungefähr zehn anderen Jungs, die Aufgabe bekommen, mitzuhelfen, diese Leute – Kinder, Frauen, Männer – da raus zu holen. Und dann wurden die abtransportiert und das war ein Ereignis, was mich zu diesem Zeitpunkt so geprägt hat, dass ich das nie in meinem Leben wieder vergessen kann. Ich sehe das heute noch vor mir. Und ich bin in der späten Nacht nach Hause gekommen, die Eltern wussten ja gar nicht, wo wir waren, und einen Tag später, am 8. April 45, einem Sonntag mit blauem Himmel war ich dann hier, unmittelbar in der Stadtmitte in einem Luftschutzkeller. Und als ich dann nach einer guten anderthalb Stunde aus diesem Keller wieder raus kam, da brannte die Stadt ringsum und dann bin ich irgendwo durch die Stadt und die Stadt brannte an allen Ecken und Kanten, man hatte also nicht nur Sprengbomben geworfen sondern auch Brandbomben, einige Straßen in der Stadtmitte hatten einen Asphaltbelag und dieser Asphalt brannte. Und dort sind die Leute durch, durch diesen geschmolzenen und brennenden Asphalt und haben versucht, sich zu retten. Wir sind raus gekommen, meine Großmutter und ich, und 1250 Menschen haben es nicht geschafft. Es waren Tage, die ein absolutes Chaos hier in der Stadt gebildet haben. Viele waren total verwirrt, Familien fanden sich einfach nicht mehr wieder, denn die Leute sind nach draußen geflüchtet auf die Dörfer, Richtung Quedlinburg, Richtung Oschersleben, Richtung Wernigerode, überall, jeder versuchte erst mal, ein Dach über den Kopf zu bekommen und nach vier Tagen war dann auch unsere Familie wieder zusammen.“
Durch den verheerenden Bombenangriff vom 8. April 1945 wurde das gesamte alte Stadtzentrum völlig vernichtet. Die einzelnen Familienmitglieder fanden sich nur durch „Mund-zu-Mund-Propaganda“, die Kommunikation untereinander war total zusammengebrochen. Und Horst Zilling hatte nichts auf dem Leib als die Uniform von seinem letzten Dienst – schwarze Hose, schwarze Jacke, braunes Hemd und das Koppel mit Hakenkreuz. Sein Fahrtenmesser mit dem Hakenkreuz im Griff hatte er inzwischen weggeworfen...das war der Sonntag.
Am Donnerstag darauf kamen die Amerikaner in die zerstörte Stadt. Der elfjährige Horst Zilling war neugierig und näherte sich den amerikanischen Panzern. Plötzlich wurde er von einem Soldaten ergriffen und auf einen Panzer gezerrt – aus Angst fing er an zu weinen – dann rissen sie ihm die Nazi-Abzeichen von der Jacke, entledigten ihn seiner Gürtelschnalle und stellten ihn wieder auf die Erde. Sie luden ihm Essensrationen und Konservendosen auf die Arme und schickten ihn wieder weg. Der Junge balancierte die Dosen und Packungen über die Straße, die Hose rutschte und er versuchte, noch immer weinend, die Nahrungsmittel ohne Verluste durch hungrige Passanten zu dem Haus zu bringen, in dem seine Mutter Unterschlupf gefunden hatte. Das war seine erste Begegnung mit Menschen, die keine Nazis waren.
Einen Tag später wurde die Stadt erstmalig mit einer Situation konfrontiert, von der sehr wenige wussten. Man trieb die Menschen auf den großen Plätzen zusammen und dort waren Menschen aus Halberstadt und der Umgebung, die vom Konzentrationslager Zwieberge berichteten.
„Nur sehr wenige wussten das. Und die, die das wussten, von den Nazis, die waren da schon längst weg. Die haben sich da schon längst nicht mehr aufgehalten.“, erzählt er.
Das Konzentrationslager Zwieberge war eine in einem Bergwerksstollen befindliche Außenstelle des Lagers Buchenwald. Durch eine selbst für KZ-Maßstäbe äußerst geringe Verpflegung, mangelhafte Hygiene und einem Minimum an medizinischer Versorgung galt das Lager sogar in Buchenwald als Todeskommando. Über zweieinhalbtausend Menschen aus allen Teilen Europas sind binnen weniger Monate durch die Nazis in diesem Lager umgekommen.
In den Monaten danach begannen in Halberstadt die Aufräumarbeiten. Das ganze Stadtzentrum bestand fast nur noch aus haushohen Trümmerbergen. Die Trümmer wurden im Laufe der folgenden Jahre von den sogenannten Trümmerfrauen zu Seite geräumt, der Mörtel abgeklopft und zum Aufbau der Stadt wieder verwendet. Noch heute leben in Halberstadt Frauen, die bei den Trümmerfrauen mitgearbeitet haben – die Mutter von Horst Zilling war auch bei den Trümmerfrauen.
Dann erzählt er, dass in den Speisesälen der Fabrik der „Halberstädter Würstchen“ Theater gespielt wurde. Mit seinen Freunden ist er regelmäßig heimlich durch die Fenster eingestiegen und hat sich die Theatervorstellungen angesehen. Später machte er dann eine Ausbildung zum Werkzeugmacher. Stolz erzählt er, wie sein Betrieb die Sitzreihen im neuen Theater einbaute – auch er durfte mithelfen. Die Steine zum Bau dieses Theaters stammten ebenfalls aus den weggeräumten und aufbereiteten Steinen der Trümmerfrauen.
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April 1945 von Karl Heinz Melzer

Die Berliner Verwandten kamen, evakuiert, wie es damals hieß, in Halberstadt an, in Sicherheit so glaubten sie. Ein Besuch in der Plantagenstraße bei der lieben Tante Liesbeth, deren Spitz geworfen hatte, war ein Erlebnis für die Großstadtkinder, auch für mich, solche kleinen Wusseltiere hatten wir alle noch nicht gesehen, -Kinder verfügen über erhebliche Überredungskünste, besonders leicht wird es, wenn auch die Mütter, Väter waren ja nicht da, den Neugeborenen nicht wiederstehen können. Also wurde eins der Kleinen, ein dunkles, Mutter weißer Spitz, Vater? nicht nachvollziehbar – später sollte er sich wahrscheinlich als schäferhundartiger Erzeuger herausstellen, in die Tasche gepackt und mitgenommen. Der nächste Tag, der 7. April zeigte den Evakuierten, dass sie vom Regen in die Traufe gekommen waren. Aber es war ein schöner, milder Frühlingsabend, bei zwangsläufig offenen Fenstern, auch ein sonniger Morgen am 8. früh bis gegen 11, dann die gewohnten Heultöne, Keller und ein erdbebengleiches Schaukeln des Kellers (später habe ich es in Taiwan und Japan nachempfinden können), unser neues Familienmitglied – Strolch genannt, ließ ein kaum wahrnehmbares Bellen vernehmen, nach 20 Minuten war alles vorüber. Das Inferno war an uns vorbeigegangen.
Die Blindgänger vor und neben dem Haus ließen uns die Flucht in die Klusberge antreten, was wurde aus Tante Liesbeth und dem Spitz? Am 9. April wagte ich mich mit meiner Mutter in die Plantagenstraße, das Haus in dem sie wohnte war fast unversehrt, aber von der Tante keine Spur, sie war eine sogenannte Luftschutzhelferin und hatte den Splittergraben in der Plantage zu beaufsichtigen, den geordneten Zugang, die Verschlusssicherheit und die Betreuung der Insassen zu gewährleisten.
Vom Graben waren nur Betonstücken sichtbar, Tote wurden geborgen, von der Tante keine Spur, vom Spitz nichts, alle Nachforschungen nach ihrem Verbleib blieben erfolglos, sie waren ausgelöscht, nichts wurde von beiden je gefunden, eine Bombe muss sie direkt getroffen und zur Unkenntlichkeit zerfetzt haben. So gibt es auch kein Grab, keinen Stein, nur die Plantage, den Rasen in der schönen Grünanlage, der die, die sie gekannt haben, an ihren so sinnlosen Untergang erinnern.
Sicher, so meine ich, ist der Gang durch die Plantage als Erinnern an diese Zeit und Gedenken an die vielen Opfer dieses Tages auch eine stille Würdigung der Toten des 8. April 1945.
6 Jahre davor in Warszawa vor der Bombardierung durch deutsche Stukas, auch mit Bauteilen aus den Halberstädter Junkerswerken gebaut, suchte ein Bürger Zuflucht vor den Bomben, sah vor sich ein Mädchen mit weißen Handschuhen laufen, das Pfeifen der Bomben, das wir 1945 kennen lernen konnten, nahm zu, das Mädchen verschwand, was blieb war eine weißbehandschuhte Hand. Wir sollten an die Ursachen des Untergangs unserer schönen Stadt erinnern - neben all dem Schmerz.
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7. und 8. April, Bombenangriff auf Halberstadt, meine Erlebnisse und Erinnerungen von diesen Tagen in der Stadt Halberstadt

Ich selbst war zu dieser Zeit 13 Jahre alt und bin gebürtige Braunschweigerin, aber durch das Kriegsgeschehen und durch die Evakuierung aus Braunschweig kamen meine Eltern und ich nach Halberstadt. Mein Vater wurde dienstlich von Braunschweig in das RAW Halberstadt versetzt.
Ein Kollege meines Vaters organisierte und leitete einen Möbeltransport, wo wir unser Schlafzimmer von Braunschweig nach Halberstadt zuladen durften. Bedingung war, dass ein Waggon Ostarbeiter mit transportiert werden musste. Der Kollege und mein Vater fuhren die Lok. Ein Ostarbeiter wurde als Heizer angestellt. Als dann auf der Strecke von Braunschweig nach Halberstadt das Signal „Halt!“ kam – zwischen Nienhagen und Groß Quenstedt – am 7.4.45 setzte der Tieffliegerbeschuss ein. Es war ganz schrecklich, aber die Ostarbeiter hängten sofort die weiße Fahne heraus und von diesem Augenblick an waren wir geschützt, denn dies war also schon ein Vorwarnsignal, dass Halberstadt sich ergeben sollte, dieses aber nicht tat. Da wir jedoch immer noch keine Einfahrt bekamen, nahmen die Ehefrau dieses Kollegen und ich die Fahrräder, die wir mit verladen hatten, und fuhren damit nach Halberstadt.
Nach kurzer Zeit kam auch meine Mutter, denn zwischenzeitlich bekamen sie freie Fahrt nach Halberstadt, aber mein Vater musste erst auf dem Güterbahnhof alle Formalitäten erledigen, sowie auch die Ostarbeiter in das RAW geleiten.
Gegen 11.30 Uhr begann der Fliegeralarm. Mein Vater hatte gerade noch die Schuhstraße erreicht, wo wir im Keller saßen und dann ging der Bombenhagel auch schon los. Die Hausbewohner schrien und konnten plötzlich beten. Mein Vater schrie „Alle hinlegen!“ und dann war der Ausgang nach draußen verschüttet. Mit Hacke und Picke haben die Männer ein Loch nach draußen geschaufelt, denn wir bekamen schon keine Luft mehr. Eine Frau ergriff die Flucht und lief in den Skagerak-Garten (Franzosenkirche), wo sich ein Schutzgraben befand, aber sie hat diese Flucht mit dem Leben bezahlen müssen.
Auch meine Großmutter ist in der Wohnung geblieben. Während der Bombenpause ist mein Vater hoch gelaufen. Sie lag da mit Schutt und Lehm überschüttet und wollte mit in den Keller, aber da kam schon die nächste Salve Bomben und sie musste liegen bleiben, es waren rings herum Sprengbomben gefallen und tiefe Ausbuchtungen waren entstanden. Aus dem Haus gegenüber schrien die Menschen um Hilfe. Das ganze Haus war zusammengestürzt. Ich weiß nicht, ob da noch jemand herausgekommen war. Es waren grausame Erlebnisse und jedesmal, wenn ich darüber spreche, durchlebe ich es noch einmal. Ich war doch gerade erst 13 Jahr im März geworden.
Als dann die Entwarnung kam, retteten wir erst einmal Oma und die Sachen, die nicht in die Bombentrichter abgestürzt waren. Meine Oma war vollkommen am Ende, aber in den Keller wollte sie immer nicht. Wir kannten die Angriffe schon aus Braunschweig und da gab es Hochbunker, die zwar schaukelten bei jedem Bombenangriff, aber wir waren darin sicher.
Nach der Entwarnung wussten wir nicht wohin. Ich stellte mich in die Grünanlage Georgenstraße, wo wir noch einige gerettete Sachen lagern konnten. Neben mir und um mich herum alles Tote, die dort hingebracht wurden. Nun wohin mit Oma, da kam Omas Hausarzt, Rat Nagel, und sagte: „Fragen Sie doch mal im Elisabethheim, ob sie dort untergebracht werden kann.“ Ja, es wurde uns liebevoll gewährt. Ich stand treu bei den noch geretteten Sachen und meine Eltern retteten aus dem Keller noch Eingemachtes und Kartoffeln. Es ging ja zunächst alles drunter und drüber. Auch die Betten (Federn) hatten sie gerettet. Inzwischen war durch die Phosphorbomben alles nur noch ein Feuermeer. Man konnte es fast mit der Wasserflut vergleichen. Ganz Halberstadt stand in Flammen.
Bei den Rettungsarbeiten kamen aus einem Gefangenenlager am Schützenwall gefangene Engländer um noch zu retten, was noch zu retten war. Begleitet wurden sie durch einen deutschen Soldaten mit einem Gewehr. Da wir keinen Tropfen Wasser oder Sonstiges zu trinken hatten, fiel meiner Mutter ein, dass noch in einem Verschlag selbstgemachter Obstwein lag. Und alle hatten Durst zum Umfallen. Sie brachen den Verschlag auf. Auch der Engländer bekam etwas zu trinken. Gott sei Dank brach ja ein paar Tage später alles zusammen. Die Amerikaner besetzten Halberstadt, das war das Ende dieser Katastrophe und der Untergang unserer schönen alten Stadt Halberstadt.
Aber wo sollten wir nun hin? Am Abend ohne ein Dach über dem Kopf. Da fiel meiner Mutter ein, dass wir zu einer Familie schon immer eingeladen waren, die meine Mutter noch aus der Kindheit kannte. In unserer unbeschreiblichen Not gingen wir dort hin. Und diese hilfsbereiten und guten Leute nahmen auf. Bleichstraße 3. Als nachts dann noch einmal Alarm kam, gingen wir dort in den Keller. Ich habe im Stehen geschlafen und sie konnten mich nicht bewegen, so erschöpft war ich.
Als am Morgen des 09.04.1945 mein Vater noch einmal gucke wollte, war alles Schutt und Asche, nur der Kanonenofen ragte obenauf, also das war der Ort von Omas alter Wohnung.
Wer diesen Untergang (Feuersbrunst) nicht selbst miterlebt hat, kann sich kein Bild machen von den Geschehnissen an diesem 8.April 1945.
Diese Erinnerungen und Eindrücke vergesse ich mein Leben lang nicht und wünsche, dass so etwas nie wieder über Deutschland geschieht.
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Willi Birnbaums Erinnerungen an die Ereignisse an den 8. April 1945

Ein wunderschöner Vorfrühlingssonntag war angebrochen, die Unruhe und der Lärm des Vortages und der Nacht waren einigermaßen gewichen. Klaus und ich hatten des Esstisch im Kinderzimmer vor das Fenster geschoben und spielten mit unserem Steinbaukasten. Und was? Natürlich Krieg und Bombenabwurf. Dass unser Spiel innerhalb kürzester Zeit für uns grausige Wirklichkeit werden sollte, konnten wir nicht ahnen.
Wir saßen also am Tisch und waren in unser Spiel vertieft, als plötzlich Irmgard ins Zimmer trat und uns unmissverständlich aufforderte, in den Keller zu gehen, denn es müsse gleich Alarm kommen, die Bomberpulks wären schon über Nordhausen mit Flugrichtung Halberstadt. Irmgard hatte diese Information vom Flaksender, den wir ja zu jener Zeit sehr häufig abhörten. Von Paul-Gerhard hatten wir eine Flak-Karte erhalten mit den Planquadraten, so das wir über die Luftlage fast ständig informiert waren. Selbst wir Kinder konnten mit Flaksender und –karte umgehen.
Obwohl wir noch keine Sirenen gehört hatten, gingen wir sofort in den Keller. Von weit her konnte man schon den tiefen Brummton der anfliegenden Bomberpulks hören. Meiner Erinnerung nach hatten wir gerade im wiederhergerichteten Luftschutzkeller Platz genommen, als etwas weiter entfernt die ersten Bomben fielen und detonierten. Dieses Geräusch hörten wir nicht das erste Mal, denn bei den bisherigen Angriffen auf Junkers oder den Flugplatz war das genauso. Deshalb nahm ich auch zunächst an, dass wieder Junkers o.a. das Ziel seien. Das jedoch war ein Irrtum. Schon die zweite Welle traf voll in unsere Wohngegend. Nun ging es Schlag auf Schlag. Der Keller hob und senkte sich wieder; es war ein grauenhaftes Gefühl. Ich habe mich später öfter gefragt, ob ich während Angriffs eigentlich Angst verspürt habe. Diese Frage kann ich bis heute nicht klar mit ja oder nein beantworten. Sicher war Angst da, wahrscheinlich habe ich sie nur nicht bewusst wahrgenommen. Welle für Welle ging nieder; mal etwas näher, mal etwas weiter entfernt. Das Licht war ausgefallen und der Flaksender nicht mehr zu hören. Von den Wänden rieselte Staub und Putz. Unheimlich war das Geräusch als von nebenan die Mauerdurchbrüche geöffnet wurden und die Bewohner der Nachbarhäuser in unseren Keller kamen. Dies war auch für mich das untrügliche Zeichen, dass nun auch wir mittendrin waren – im Bombenhagel. Links neben mir saß Tante Anni, rechts war die Kellerwand und vor mir lehnte Vater stehend am Pfeiler. Diese Nähe war für mich irgendwie beruhigend. Jedesmal, wenn man die fallenden Bomben rauschen hörte, kauerte man sich instinktiv zusammen, um sich nach der Detonation für kurze Zeit wieder aufzurichten. Ich muss noch mal feststellen: Tante Anni neben mir – mit der gleichen Handlungsweise – wirkte beruhigend auf mich. Plötzlich war eine Detonation sehr, sehr nahe und etwas Schweres fiel auf meinen Rücken. Jetzt hatte ich wirklich Angst, denn ich nahm an, eine Bombe würde auf meinem Rücken liegen, und ich bewegte mich keinen Milimeter. Da richtete sich Tante Anni wieder auf und die vermeintliche Bombe fiel herunter. Es war die Hausapotheke, die hinter mir an der Wand gehangen hatte. Irgendeine Flüssigkeit war jedoch ausgelaufen und hatte meinen Mantelkragen und das Band meiner Gasmaske befeuchtet. Staub und kleine Putzteilchen klebten bald daran, erst später bemerkte ich ein fürchterliches Scheuern an meinem Hals.
Nach dieser sehr nahen Detonation konnte man nun auch durch das Kellerfenster nach außen sehen. Die Splitterschutzkiste war völlig verschwunden. Jetzt hieß es: Alle raus! Durch das Kellerfenster – gehoben und geschoben von Erwachsenen – gelangten wir auf den Hof. Was war da zu sehen? Unser Haus einschließlich Werkstatt und Kontor waren noch da. Überall gähnten uns leere Fensterhöhlen an, die Dächer waren weg und im Gebälk auf dem Dachboden floss mit unglaublicher Geschwindigkeit eine bläulich-gelbe, brennende Flüssigkeit. Erst später ist mir klar geworden, dass es Phosphor gewesen sein muss. In der Wand zu Leimbergs klaffte ein großes Loch. Der Hof war über und über mit Brettern, Steinen, Glasscherben usw. übersät. Ich hatte den Eindruck, dass es ein kleiner Hügel war. Dann hieß es wieder: Schnell rein in den Keller. Wir kauerten uns nun alle in den Kellergang – am hinteren Ende hatte Vater aus Brettern Notbetten errichtet – und warteten die nächste Welle ab. Es sollte Gott sei Dank die letzte gewesen sein. Aus den offenen Kellerfenstern konnte man jetzt auf die Sedanstraße sehen und erkennen, dass sie mit Trümmern übersät war und die gegenüber liegenden Häuser brannten. Außerdem war ein beißender Geruch aus Pulverdampf, Staub, Dreck und Rauch zu vernehmen. Die Flugzeuggeräusche verstummten langsam, und wir alle krochen nach und nach wieder nach oben auf den Hof und in den Garten. Viele Menschen ringsum liefen wie Ameisen hin und her. Jeder versuchte zu retten, was zu retten war. Ich erinnere mich, dass auch Otfried versuchte, über den Balkon in Bohns Wohnung zu gelangen. Später sah ich, dass vermutlich Vater, Otfried und Irmgard eine kleine Grube im Garten ausgehoben hatten und dort einige wenige gerettete Sachen eingruben. Während dieser Zeit sah ich im Garten einen größeren Pappkarton liegen, den ich mir näher anschaute. Sein blockquote waren unsere Fotoalben. Kein Mensch weiß, wie de Karton da hingekommen war. Ich kann heute nicht mehr erklären, warum ich es tat, aber ich kniete mich davor und begann, so viele Fotos wie nur möglich aus den Alben zu reißen und in meine Manteltasche zu stecken. Irgendwie war sicher der innere Drang da, etwas Nützliches zu machen. Meine Manteltasche hatte ein Loch und so rutschten die Bilder weit nach unten, und ich bekam eine Unmenge Fotos dort hinein. Selbst unser Wecker hatte noch Platz darin. Im weiteren Verlauf retteten wir uns durch die Gärten bis hin zur Hohenzollernstraße und auf den Bismarckplatz. Es war ein schauriger Anblick: Straßenbahnschienen ragten in den Himmel, der untere Teil der Hohenzollernstraße bis zur Seydlitzstraße war in tiefen schwarzen Rauch gehüllt und einige Häuser in der Nähe des Bismarckplatzes standen in hellen Flammen. Dazu brauste plötzlich ein fürchterlicher Sturm, der Flammen richtig anschürte. Heute weiß ich, dass es sich um den berühmt berüchtigten Feuersturm handelte.
Wir lagerten einige Zeit auf dem Bismarckplatz. Tante Anni versorgte uns mit etwas Schmalzbrot und Wein. Beim Essen knirschte es dauernd zwischen den Zähnen, weil alles Essbare total verstaubt war. Während wir dort lagerten – ich kann mich nicht erinnern, wer da war bzw. wer fehlte und was sie gerade machten – sahen wir unzählige Menschen rastlos und mehr oder weniger aufgeregt umherlaufen. An einen Mann kann ich mich erinnern, der pausenlos durch die Straßen lief und immer wieder rief: „Seht Ihr, genauso war es in Magdeburg!“ Ob er wohl die Schreckensnacht vom 16.01.1945 gemeint hatte? Es sickerte durch, dass die vielen verwundeten Soldaten in der Roonstraße Hilfe brauchten. Ich glaube, auch Ottfried und Dorli haben versucht da zu helfen.
Am Nachmittag – der Feuersturm wurde immer heftiger – gingen wir durch die Gneisenaustraße und den Spiegelsbergenweg – vorbei an zerstörten und brennenden Häusern – hinaus in die Spiegelsberge. Unterwegs kletterten wir auch durch Bombentrichter in der Gneisenaustraße, hier und da sah man auch mal einen Blindgänger. Wir lagerten im Schatten der Feldscheune unterhalb des Gutes. Von dort hatten wir einen schaurig-schönen Blick auf die brennende Stadt und die sich hoch in den Himmel auftürmenden schwarzen Rauchschwaden. Immer wieder wurde von den Erwachsenen die Befürchtung eines zweiten Angriffs oder des Beschusses durch die Tiefflieger geäußert. Trotzdem wagten sich der Vater und – ich weiß nicht mehr mit wem, vermutlich Ottfried – noch einmal in die brennende Stadt, um eventuell weiteres aus dem Haus zu retten. Bald schon war aber Vater mit der Nachricht zurück, dass das Haus inzwischen vollständig brenne und wegen der großen Hitze ein Herankommen unmöglich sei. Vielleicht hatte aber auch Onkel Paul diesen Weg mitgemacht, denn er und Tante Jenny waren zum Zeitpunkt des Angriffs bei uns in der Sedanstraße. Soweit ich mich erinnern kann, hatten sie einige ihrer Habseligkeiten in die Sedanstraße gebracht, da nach ihrer Auffassung die Gefahr einer Zerstörung ihrer Wohnung durch Angriffe auf Junkers größer war als bei uns. Ein verhängnisvoller Irrtum!
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Der Bombenangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 (meinen Kindern gewidmet) von Rose Schicht von Homeyer

In der Frauenklinik Dr. Rausch
Mein viertes Kind war eigentlich zu Ostersamstag 1945 angesagt, aber es ließ sich Zeit. Als es auch am Ostersonntag noch nicht kommen wollte, beschloss meine liebe Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Tante Lotte und Onkel Frieder, auf jeden Tag eine Wette abzuschließen. Um was es ging, ist mir entfallen. Ich weiß nur noch, dass an jedem der folgenden Tage jeweils ein anderer von ihnen mich voller Interesse fragte, wie weit ich nun sei. Dass mir das nicht besonders angenehm war, brauche ich wohl nicht erst zu betonen. Hätte ich doch selber gern die Geburt und alles, was sie mit sich bringt, hinter mich gebracht, denn im Radio wurden die Meldungen über den immer näher rückenden Feind zunehmend bedrohlicher.
Als sich am Mittwoch nach Ostern immer noch nichts rührte, das Radio aber meldete, die Amerikaner hätten den Rhein bei Remagen überquert, hielt es mich nicht länger. Ich fragte den Frauenarzt, ob er die Geburt nicht beschleunigen könne.
Er ließ mich in seine Klinik kommen, ich erhielt Warmluftbestrahlungen, und siehe da, am 4. April erblickte ein strammes Dickerchen das Licht der Welt. Wir nannten es Dorothea, Gottes Geschenk. Aber mit der Geburt war das Schlimmste nicht überstanden, das kam erst noch: Der so ersehnte erholsame Schlaf fand nicht statt. Kaum eingenickt, wachte ich auf, denn eine Schwester stand an meinem Bett und forderte mich auf, aufzustehen. Sirenen ertönten, alle Mütter und Kinder wurden in den Luftschutzkeller verfrachtet. Manche konnten kaum gehen. Und das in jeder Nacht. Am Sonnabend nach Ostern gab es eine gewaltige Explosion, der die meisten Fensterscheiben der Stadt zum Opfer fielen. Die Detonation war bis in den Luftschutzkeller der Frauenklinik zu hören, obwohl sie drei Kilometer entfernt stattgefunden hatte.
Im Keller der Klinik saßen alle Patientinnen, werdende Mütter kurz vor der Entbindung und andere, die schon die Geburt überstanden hatten. Eine Frau war dabei mit besonders starkem Leib. Der Arzt hatte ihr Zwillinge vorhergesagt. Doch wartete sie schon die dritte Woche und grämte sich sehr darüber. Nach der Entwarnung war ihre Schwester aus der Stadtrandnähe zu ihr gekommen und hatte aufgeregt berichtet, man habe dort Flugblätter gefunden mit der Aufschrift: „In 48 Stunden ist eure Stadt dran!“
Ich bat sofort die Schwester, zu hause anzurufen, mein Mann möge kommen. Sie tat es, kehrte aber mit dem Bescheid zurück, man könne meine Wünsche jetzt nicht berücksichtigen, alle Scheiben im Haus seien kaputt, man müsse die halbe Nacht Fenster vernageln. Ich ließ nochmals anrufen. „Ihr Herr Vater lässt sagen, sie hätten jetzt beim besten Willen keine Zeit, mein Mann käme morgen vorbei.“
Er kam, doch es war zu spät, noch irgendetwas vorzubereiten. Kaum war er gegangen, gellten die Sirenen. Im ersten Bombenhagel sprang er von Deckung zu Deckung nach hause.
Wie so oft, hatte man sich im Keller der Frauenklinik wieder getroffen. Man kannte sich bereits, war irgendwie durch gemeinsames Erleben miteinander verbunden. Hier grübelt die Frau, die Zwillinge erwartete, dumpf vor sich hin, dort lehnte bleich die Frau mit der Totgeburt. Auf dem eisernen Bett schien die fast schon alte Dame, die ihr erstes Kindchen bekommen hatte, eingenickt. Als jüngster Babymutter hatte man mir das einzige, ziemlich breite Klinikbett zugewiesen. Mehr Platz war in dem Raum für Betten nicht. Vier junge Mütter hatten begonnen, Bridge zu spielen.
Die Babies hatte man in ihren Wägelchen in den Gang gestellt, da dieser mit seinem Bogengang vertrauenerweckend aussah.
Auf einmal ein Detonation! Und noch eine! Das Haus erbebte. Ein ohrenbetäubender Krach. Eine ganze Salve von Detonationen. Stille. Ich war aufgesprungen, tastete mich zur Tür, denn es war dunkel geworden. Ich fand mein Kind und stand dort mit fünf Neugeborenen, die friedlich in ihren Kissen schlummerten. Ich baute mir aus dem Federbettchen ein sogenanntes Boot, wie die Hebamme es mich gelehrt hatte und bettete mein Gottesgeschenkchen hinein. Da – wieder eine Explosion, noch eine. Kalk fiel von der Decke, es roch plötzlich nach Rauch. Meinem Instinkt folgend, sank ich in die Knie. Dann lag ich auf dem Boden, über meinem Kind.
Meine Gedanken wehrten sich gegen die Worte, die immer wieder kamen: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gelobt sei der Herr in Ewigkeit.“ Wer hatte das doch gesagt? Aber damit war ich nicht einverstanden. War denn nirgends mehr ein Sinn in der Welt? Nur noch Zerstörung? Ich brachte das nicht zusammen, Geburt und Tod, so nah und so sinnlos aufeinander. Ich suchte einen Sinn, einen Sinn...
Und bei allem Grübeln warteten meine Nerven aufs Äußerste gespannt auf die nächste Detonation, die auch nicht lange auf sich warten ließ.
Der Luftdruck war jetzt von oben in den Schornstein gefahren, hatte die Abgase der Zentralheizung durch die Kesselritzen nach unten gedrückt, sodass man im Keller kaum noch atmen konnte. Würden wir nun alle ersticken? Aber wer konnte denn jetzt hinaus?
Die Kerze in der Mauernische, die ich ständig beobachtete, drohte auszugehen, auch sah man sie fast nicht mehr vor lauter Qualm. Aber etwas anderes erkannte ich: Ich war nicht mehr allein!
Rings um mich herum lagen die anderen Mütter, eine jede über ihrem Kind. Neu Detonationen, neue Heizungsgase...pausenlos. Das Atmen wurde schwerer. Da war auf einmal in der Stille ein neuer Laut: Ein Murmeln von Stimmen. Und immer lauter wurde es: Die Mütter beteten. Alle. Ob evangelisch, katholisch oder ohne Religion. Es stieg nur ein Vaterunser zum Himmel.
Als dann das Schlimmste vorbei war, wagte die eine oder andere Mutter sich zu erheben, um einen Blick hinaus zu tun. Trümmer, nichts als Trümmer, kein Rasen mehr, kein Strauch, kein Baum. Alles geborsten, was einst so vertraut und gepflegt dort stand. Verwüstet, von Menschenhand.
Inzwischen hatten wir unsere Betten und Plätze im Luftschutzkeller wieder eingenommen. Wir waren kaum darin, erschienen Fremde, Überlebende aus den Luftschutzgräben vor der Klinik. Dort waren Volltreffer niedergegangen. Da drängten sie herein, Männer, Frauen, Kinder, total verschmutzt und mit dem erlebten Grauen in den Augen. Ich habe Männer weinen sehen wie Kinder. Frauen, die nach Luft rangen. Eine Frau hustete Blut. Sie schien mich zu kennen, denn sie sprach mich an: „Ja, kennen Sie mich denn nicht mehr?“ Sie wusste nicht, dass ihr Gesicht unkenntlich war.
Ein Mann fiel mir auf, er war als letzter in der Tür erschienen. Für ihn war nirgends mehr Platz. Er zitterte und stand sichtlich unter Schockeinwirkung. Ich überlegte nicht lange, ich wusste nur: Hier muss ich helfen, und nur ich allein von allen kann das.
Und was euer Vater in seinen Erinnerung beschreibt mit den Worten: „meine Frau leistete Erste Hilfe“ sah so aus: Ich rief den Mann herbei und nahm ihn kurzerhand mit in mein Bett um ihn zu wärmen. Wochen später, als der Krieg schon vorüber war, wollte es der Zufall, dass eben dieser Mann ebenfalls Dolmetscher neben Vati wurde. Und dort kam dann die Geschichte ans Licht. Euer Vater staunte nicht schlecht über die Erste Hilfe-Maßnahmen seiner Frau, aber er war stolz auf mich!
Dann begann für uns alle das qualvolle Warten auf Nachricht von zuhause. Jede von uns dachte nur das Eine: Was war dort geschehen? Der erste Besuch berichtete, dass bei seinem Zuhause der ganze Häuserblock in Flammen stehe...Das Warten war fast schlimmer noch als die Gefahr.
Da! Mein Bruder! In Offiziersuniform. Tränen der Erschöpfung und der Wiedersehensfreude rannen ihm über das Gesicht. „Alle gesund, alle gerettet. Das Haus allerdings abgebrannt.“
Dann stand endlich mein Mann vor der Tür. Ich wollte ihm aufweinend vor Anspannung und Freude in die Arme sinken. Aber er schob mich sanft, aber energisch von sich und sagt: „Aber man kann doch nicht, - die Leute!“
Anderntags waren alle Muttis fort. Bis auf mich, denn niemand holte mich ab. In meinem Krankenzimmer sah es wüst aus. Die Decke war auf mein Bett hernieder gebrochen, alle Fensterscheiben draußen, aus dem Heizkörper rann das Wasser.
Mein Arzt, Dr. Reini Rausch, mit dem ich übrigens Tanzstunde gehabt hatte, kümmerte sich rührend um mich. Ich war ja nun seine einzige Patientin. Als erstes wollte er mir ausreichend Verbandsmaterial mitgeben auf den Heimweg, der ja bevorstand, denn hier konnte ich nicht mehr bleiben. Im großen Schrank auf dem Flur, der alles Verbandszeug enthielt, war aber nichts mehr brauchbar, einerseits war er geborsten, zum andern durchnässt von einem gebrochenen Wasserrohr darüber.
Da machte er sich auf, irgendwo Zellstoff und Watte für mich aufzutreiben. Es dauerte lange, bis er wiederkam. Damit ihm niemand die kostbare „Beute“ entwenden konnte, hatte er sie unter die Jacke gesteckt.
Weil auch die Schwestern keine Arbeit mehr hatten, wurden sie beauftragt, mich heimzubringen. Die eine stützte mich, die zweite trug das Kind und die dritte meinen Wochenbettkoffer. So wanderten wir durch die noch brennende Stadt, vorbei an umgestürzten Straßenbahnwagen, an riesigen Kratern, Leichen, entwurzelten Bäumen. Ich habe dieses Chaos kaum wahrgenommen, ich wusste nur eins: Ich muss heim! Heim? War es nicht ausgebrannt? Wir standen vor meinem Elternhaus, von dem es nur noch die Fassade gab, öde Fensterhöhlen mit dem Himmel dahinter. Es war aber jemand da, der wusste, wo meine Familie sich befand. In einer fremden Straße, in einem fremden Haus.
Dort wollte ich, erschöpft wie ich war, endlich einschlafen. Wieder Sirenen. Tieffliegende Jagdflugzeuge. Da war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich verlangte von meinem Vater, er solle mich und das Baby mit seinem Jagdgewehr erschießen. Gott verzeihe mir dies, aber ich war am Rande aller Kräfte.
Am anderen Tag hatte mein Vater ein Wehrmachtsauto aufgetrieben, gesteuert von einem Offizier, der nun auch nicht mehr wusste, wohin er gehörte und was für Befehle es nun noch für ihn gab. Er lud Lotte mit ihrem Kind, Christa, meine drei Kinder, mich und das Baby in seinen offenen Kübelwagen und machte sich auf den Weg nach Sargstedt, wo man uns Quartier zugesagt hatte. Es sind sieben Kilometer bis dahin. Mittendrin sahen wir plötzlich Bombenflugzeuge, wie ich sie ja noch nie gesehen hatte, denn mich hat man ja stets unter die Erde verwiesen. Da waren sie also, mit Kurs nach Osten, wahrscheinlich Berlin. Die Flüchtlinge vor uns hatten alle ihre Fahrzeuge verlassen und suchten Schutz in den Gräben. Mein Fahrer fragte, ob wir auch in die Gräben wollten? Aber wir entschieden uns für die Weiterfahrt. Da trat er auf das Gaspedal und verlangte dem Wagen das Allerletzte ab. Wir hatten ein derartiges Tempo als wir in Sargstedt einfuhren, dass unversehens erst am anderen Ende des Ortes zum Stehen kamen. Dann fanden wir den Hof des Bauern Willi Haake, eines Jagdkameraden meines Vaters.
Sein Haus hatte in jedem Zimmer eine Flüchtlingsfamilie. Uns wies er sein Esszimmer zu, hinten standen die zusammengeschobenen Möbel hinter dem Schrank, vorn wurden für einen jeden von uns Matratzen auf den Fußboden gelegt. Das Baby kam in einen Waschkorb. Dort wohnten wir mehrere Wochen.
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Eintragung von Frau Margarete Schultze geb. Bode (genannt Malein) in das Gästebuch von Dr. med. Fritz Schultze und Frau Dorthea geb. Seeliger, Albrechtshaus (Oberharz)

Vom Mittwoch 11.April 1945
Nachdem wir am Sonntag, dem 8. April (1945) zwischen 10 und 10.30 Vormittag durch entsetzliche, schauerliche Bombenangriffe unser altes Familien- und Geschäftshaus mit allem Hab und Gut darinnen als rauchenden Schutthaufen sahen, und bis 11. April Zuflucht im Diakonissen Cecilienstift fanden, flohen wir nach hier zu unseren Kindern. Von unserem schönen alten Haus Halberstadt, Franziskanerstr. 25, das seit 1679 durch sieben Generationen Schultze hindurch als Buchbinderei und Papierhandlung bestand, blieb nichts, gar nichts übrig. Auch unser zweites Mietshaus (3 Mieter) Westendorf 31 gegenüber der Post, ist ein Schutthaufen. Da unser altes Kellergewölbe keinen 2. Ausgang, auch keine Durchbrüche hatte, mussten wir auf Anordnung des Luftschutzbundes seit Jahren bei Alarm Tag und Nacht in den Keller des nachbarlichen Warenhauses gehen, dahin gingen oft 60 bis 80 Bewohner unserer engen Straße aus all den kleinen Häusern.
Der Keller hielt auch fest, trotzdem auf das Haus 3 Volltreffer gefallen sind. Grauenhaft war das Getöse anzuhören und die Treppe, von der wir in den Keller gekommen waren, brannte und Qualm und Rauch kam gefährlich hinein. An den Durchbrüchen hing eine Axt, jedoch trotz Hilferufen und Versuchen vieler Menschen ging der neben unserem ständigen Sitz befindliche Durchbruch absolut nicht entzwei. Vater hatte alle Kinder im Raum beruhigt, die brennende Tür zugehalten und versucht, zu helfen. Doch plötzlich war ich allein im rauchenden Keller, nur durch den Feuerschein fand ich endlich meinen Mann. Alle, ca. 60 oder 80 Personen waren schon hindurch und meinen fast völlig besinnungslosen Mann zog ich dann weiter durch die nächsten Räume, die ich versuchte durch Streichholzbeleuchtung zu finden. Endlich, als allerletzte, folgten wir den Menschen, die weiter ab einen Durchbruch zerschlagen konnten und kamen dann durch dunkle Gänge und fremde Gänge endlich ans Tageslicht. Wir kamen in der Parallelstraße, Schmiedestraße, heraus und befanden uns auf einem Trümmerhaufen, kein Haus stand mehr. Ich zog meinen ganz abwesenden Mann weiter über den Markt zu unserem Haus. Es stand noch und wir gingen hinein, doch innen vom 1. Stock ab waren die Treppen verschüttet. Ich zog noch aus dem Lagerraum den Rucksack hervor, in dem etwas Leibwäsche war und aus dem Keller von einem Mauerloch in der Wand den kleinen Koffer mit Dokumenten und etwas Geld, auch ein Brot, etwas Butter und Eier in einem Topf, der im Vorratsregal stand, nahm ich und ein Küchenmesser. Das schleppte ich auf die Straße und Vater zog noch aus dem Geschäftszimmer aus dem Schreibtisch riesige Bankbücher. Doch alles Denken war gelähmt. Man sah ringsrum schreckliche Feuersäulen und hatte das Gefühl: Nur fort, fort ins Freie. Man sah auch keine Menschen oder Löschhilfe in den Straßen. Dann nahm ich immer wieder meinen fast erstarrten, armen Mann an die Hand, lud mir Rucksack und Koffer auf und sagte: „Zum Cecilienstift!“. Wir müssen grässlich ausgesehen haben. Ich hatte den Bademantel, den ich bei Angriffen im Keller naß machte, über meinen Mantel, um den Kopf nasse Handtücher vorm Mund nasse Mundtücher. Vater blutete am Kopf, gerettet hatten wir keinen Koffer weiter. Man ließ alles stehen und liegen. Im Cecilienstift war „Auffanglager“, was wir aber nicht wussten. Als wir so ankamen, empfing uns an der Treppe Frau Oberin Margarete von Hülsen, die uns lange kannte.
Liebevoll nahmen sich sofort einige Schwestern unser an und führten uns in den Saal zu den hunderten Leidensgefährten. Abends mussten alle auf Stroh oder draußen liegen im Freien; da Vater besonders elend war, stellte Frau Oberin uns oben im Schwesternhaus 2 Kabinen mit Betten bereit, was wunderbar beruhigend war. So brachten wir dort 3 Tage und Nächte zu. Vater ging oft zum Hause, das gänzlich zusammengestürzt war und wollte nicht vom Trümmerhaufen weichen. In unserer Straße waren nur 2 Tote, dagegen in anderen Straßen oft 20 oder 30 Tote in einem Hause. So lagen auch an unserer Straßenseite unter den Trümmern des großen Lebensmittelgeschäftes Gebr. Schmidt am Holzmarkt, Paul Schmidt, seine Tochter Inge Scharnhorst und Söhnchen und einige Angestellte tot. Auch der Bruder Ludwig Schmidt starb, man nahm an, vor Schreck darüber. In unserem Gebäudeviertel blieb kein Haus stehen. Da immer noch Flieger kamen, die mich in irrsinnigen Schock nach dem furchtbaren Unglück brachten, so flohen wir morgens, Mittwoch 11. April zu Fuß vom Kanonenberg an, aber da wir zu schwach und elend waren, versuchten wir durch Bitten oder Handgesten, Autos um Mitnahme, oft vergeblich. Endlich erbarmte sich ein kleines Auto, das dann aber bei Wendefurth Panne hatte. Da nahm uns ein „Todt-Auto“ mit, dann von Hasselfelde bis Stiege ein Lastauto. Am Wege von Stiege nach hier kamen Tiefflieger, worüber ich vor Schreck hinfiel am Wege. Da kam ein Auto, dass das wohl sah, sofort zurück. Heraus sprang ein Hauptmann, der uns sofort in sein Auto setzte und uns gütig bis Albrechtshaus hinfuhr. So kamen wir Flüchtlingen hier am Mittag 12 Uhr und fühlten uns sofort geborgen. Dorchen und Fritz ließen gleich Bettstellen in ihr 4. Zimmer bringen, bestellten ein Bad und nach kurzem konnten wir aufatmen. Nun begann unser Leben hier.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Katastropheneinsatz einer Kompanie Soldaten in der Plantage, von Anfang an zu spät
Die Kompanie, abzüglich der 6, die den Keller des Capitols gewählt hatten, hatte das Kino durch die Noteingänge verlassen und kam in Kolonne bis Blankenburger Bahn. Die Männer warfen sich dort während des Angriffs in die Gärten der Villen. Später erhielten sie Befehl zur Rettungsstelle I im Gebäude des Lehrer-Proseminars in der Plantage zu marschieren. Sie wurden dort eingewiesen zum Luftschutzunterstand Plantage, gegenüber den Backsteingebäuden der Kliniken. Dieser öffentliche Unterstand war durch 3 Volltreffer getroffen. Sie gruben also gegen 100 zum Teil übel zugerichtete Leichen, teils aus dem Erdreich, teils aus erkennbaren Vertiefungen, die den Unterstand gebildet hatten. Was dieser Arbeitsgang nach ausgraben und sortieren weiter nützen sollte, war schleierhaft. Wohin sollte das gebracht werden? Waren Transport vielleicht vorhanden?
Neben dem Schutz-Unterstand befand sich, in Schrägstellung, noch das Schild: „Beschädigung oder Mißbrauch dieses öffentlichen Luftschutz-Unterstandes wird polizeilich verfolgt – Der Oberbürgermeister als Ortspolizeibehörde Mertens.“
In einigen Metern Entfernung vom ehemaligen Unterstand waren die beim Ausheben der Gräben angefallenen Rasenabschnitte für die Zeit nach dem Kriege aufeinander gelagert. Diese Stapel, jeweils zwei Handbreit Erde und zunächst gestorbenes Gras, waren in Ordnung. Das Gras war jedoch nicht absolut tot, sondern fristete seit 1939 eine Art dürftiges Grasleben und sollte nach damaliger Überzeugung der Gartenbau-Verwaltung in der Zeit nach dem Krieg wieder die Außenhaut des Parks vervollständigen. Es handelte sich um hundertjährigen wertvollen Rasen, sogenannte Grasnarbe. Für diese Wiedererweckung war jetzt, da die Stadtverwaltung andere Sorgen als die Wiederanlage der Plantage hatte, die organisatorische Grundlage entfallen. Die ordentlich geschichteten Haufen sahen aus wie Särge. Sie passten insofern äußerlich zu der Sammlung der Toten, die die Soldaten auf der verbliebenen Wiese aufbereitet hatten, zwischen umgestürzten Bäumen, auf denen noch im 18. Jahrhundert, als sie angelegt wurden, Seidenraupen beheimatet waren. Es handelte sich um einen vertrackten Anschein, denn natürlich waren die aufeinandergepackten Grasboden-Reste als Särge überhaupt nicht brauchbar.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Der unbekannte Fotograf
Der Mann wurde in der Nähe des Bismarck-Turms/Spiegelsberge von einer Militärstreife gestellt. Er hielt den Fotoapparat noch in der Hand, in seinen Jackentaschen befanden sich belichtete Filme, Rohfilm, Fotozubehör. In der Nähe des Tatorts, d.h. in der Nähe der Stelle, von der er zuletzt fotografierte, befinden sich die Eingänge zu unterirdischen Anlagen, die in den Fels gesprengt sind und in denen Rüstungsproduktion untergebracht ist. Der Führer der Militärstreife beabsichtigte, den Unbekannten oder Spion im ersten Angriff zu überführen, und fragte ihn deshalb: Was haben sie da fotografiert?
Der Unbekannte behauptete, er habe aus dieser Ferne die brennende Stadt, seine Heimatstadt in ihrem Unglück, festhalten wollen. Er behauptete, Inhaber eines Fotogeschäfts am Breiten Weg zu sein, habe von allem Besitz als Fotograf nur Fotoapparat und Filme an sich gerafft und sei über Fischmarkt, Martiniplan, Westendorf, dann über Mahndorf in Richtung Spiegelsberge vorgedrungen. Der Streifenführer macht ihn sogleich darauf aufmerksam, dass dies den Tatbestand des Eindringens in den militärischen Sperrbereich der Höhlen beblockquotee. Dass Sie vom Breiten Weg kommen, ist ganz unglaubwürdig, hielt er dem Täter vor, weil von dort überhaupt niemand aus der Stadt herausgekommen sein kann. Der Streifenführer, angesichts der hochrangigen Ereignisse dieses Tages an eine verhältnismäßig langweilige Waldstelle gebannt, konnte nicht hoffen, an diesem Tag einen besseren Fang als diesen zu machen.
Solbald die Soldaten, den Gefangenen von Süden die Moltkestraße herunter vor sich hertreibend, zum Kommandantur-Gebäude durchzudringen versuchten, sahen sie, dass diese „Kommandantur“, in 50 Meter Entfernung durch die Rauchschleier, ein Berg aus Backstein, Eisenteilen usf. war. Im Ausweichquartier fühlten sich die Offiziere durch die Vorführung des Fotografen in ihren Verrichtungen gestört. Sie nahmen den Apparat an sich. Die belichteten Filme wurden einem Dienstfahrzeug mitgegeben.
Je nachdem, ob ein Beweis vorlag, mußte der Mann in Magdeburg erschossen werden. Was soll jetzt noch im April Spionage im Berggelände? Fragte Oberleutnant von Humboldt. Es war aber denkbar, dass der Feind mit sehr kleinen Flugzeugen die verborgenen Höhleneingänge der unterirdischen Rüstungswerke suchte.
Die Soldaten, die im Besitz eines handschriftlichen Zettels, auf dem die Verhaftung bescheinigt war, den Gefangenen durch die Richard-Wagner-Straße führten, hofften, dass in Wehrstedt tatsächlich irgendein Transport nach Magdeburg organisiert wäre oder noch ein Personenzug vor dem jetzigen Bahngelände hielt, er nach Magdeburg führte, sie hätten sonst nicht gewußt, was sie mit dem Mann anfangen sollten. Ob die Wachsoldaten den Unbekannten auf dessen Vorstellungen hin, auch von einigen Zweifeln bewegt hinsichtlich des Sinns ihres Tuns, in einer so verheerenden Umgebung freiließen oder ob wegen der Explosion eines Blindgängers in der Nähe Heineplatz die Wachsoldaten einen Moment abgelenkt waren, so dass er entfloh, weiß man nicht.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Friedhofsgärtner Bischoff
Bischoff zieht pferdbespannt auf seinem Tafelwagen 4 Särge durch die Gröperstraße. Die Ausbeute des frühen Morgens: Harsleben (Altbauer, 1 Fl. Johannisbeer, 4 Eier), 1 Leiche aus Mahndorf (Inspektor, 1 Fl. Eierlikör, in Lappen verpackt, 2 Bratwürste), 2 Leichen aus dem Eiskeller des Kreiskrankenhauses, Frischoperierte. Die Friedhofsgärtnerei muß die Fuhren selber machen, da das Bestattungsunternehmen „Pietät“ keine Fahrzeuge hat.
Wegen Vollalarms dürfte Bischoff sich schon längst nicht mehr auf der Straße aufhalten, müßte die Fuhre anhalten, eines der wackeligen Fachwerkhäuser betreten, den Keller aufsuchen. Lieber verschnellert er das Tempo, gibt den Kutschpferden Peitschenschläge zu hören, neben die Ohren. Jetzt sieht er schräg rückwärts die Staffeln des Bomberverbandes von Osten her. Die Leichen dürfen nicht umgeworfen werden vom Luftdruck. Bischoff fühlt sich wegen der Beigaben und Geschenke in 2 Fällen verpflichtet. Er kann nicht das Fahrzeug anhalten, die Pferde irgendwie anbinden und noch in irgendeinen Kellereingang rennen. „Sáne schänen fáre sind`n tir verjenejen.“
Bischoff jagt die Alt-Gräber-Straße hinauf zu den neuen Anlagen. Dort hebt er die Särge vom Wagen und stellt sie aufeinander. Danach steigt er in eine der offenen Gruben, so dass er nur ein Stück Himmel über sich sieht, Bläue, die die Augen schmerzt.

„Macht alle alten Jahre neu, macht alle Zeiten satt.“

Von den Erschütterungen in der Mittel- und Unterstadt rieselt Erdkruste von der Aufschüttung herunter. Bischoff ist schläfrig, schon früh losgefahren. Immer noch keine Maschinen in seinem Blickausschnitt nach oben. Weil ohnehin Überstunden auf ihn zukommen, kuschelt er sich, die Dreckjacke, die er trägt, hat er auf den Boden ausgebreitet, und macht ein Schläfchen. Damit er Vorrat hat.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Die Turmbeobachterinnen, Frau Arnold und Frau Zacke
Auf dem Turmumgang des Glockenturms der Martinikirche sind Frau Arnold und Frau Zacke, luftschutzdienstverpflichtet, als Turmbeobachterinnen aufgestellt. Sie haben sich auf Klappstühlen hier eingerichtet, Taschenlampen, die tagsüber nicht gebraucht werden, Thermosflasche mit Bier, Brotpakete, Ferngläser, Sprechfunkgeräte. Sie sind bei ÖLW (Öffentliche Luftwarnung) hierher aufgestiegen, sind noch mit dem Rundblick durch die Ferngläser beschäftigt, da sehen sie von Süden her zwei in die Höhe gestaffelte Formationen. Sie geben durch: Etwa 3000 Meter Höhe, Richtung Quedlinburger Straße/Heineplatz, B-17-Fernbomber. Rauchzeichen über der Südstadt. Frau Arnold ergänzt, ruft in das von Frau Zacke gehaltene Funkgerät hinein: „Die quacken Bomben!“ Zwölfmal Reihenwurf beiderseits der Blankenburger Bahn. Frau Arnold: Es laufen noch Massen mit Sack und Pack in Richtung Spiegelsberge. Frau Zacke: Nicht alle Maschinen haben geworfen.
Damit ist der Redestrom der Turmbeobachterinnen zunächst zu Ende. Beide Frauen zählen. Sie haben die Ferngläser abgesetzt. „Achtunddreißig“ – es ist nicht klar, ob Maschinen oder Bombenwürfe. Frau Arnold meldet: Stein- und Hardenbergstraße, Kühlinger Straße, Heineplatz, Richard-Wagner-Straße.
Der erste Pulk hat Wehrstedt erreicht und zieht Schleifen, wartet auf die Hauptmasse. Über Gegensprechanlage wird von der Zentrale zurückgefragt: Was 38? Frau Zacke antwortet für Turmbeobachterin Arnold, die das Gerät hält: Einmal 38 und dahinter 96 Maschinen. Versammlung über Wehrstedt.
Turmbeobachterinnen werden über Gegensprechanlage informiert, dass über Nordhausen im Abstand von 10 Flugminuten weitere Bomberwellen folgen. Frau Zacke antwortet: Es sind genug da! Sie sieht, dass die Flugzeuge aus der Schleife heraus aus Richtung Wehrstedter Brücke/Hindenburgstraße direkt auf sie zufliegen, meldet aber nicht sogleich, weil sie zählt, den Eindruck verarbeitet. Schräg dazu fliegen, aus Richtung Oschersleben, kleiner, schnellere Maschinen, werfen Rauchzeichen über Breitem Tor, Schützenstraße bis Fischmarkt. Eine der zweimotorigen Maschinen taucht aus etwa 1000 m Höhe im Sturz auf 300 m hinunter, setzt Rauchzeichen über Gröperstraße (also weit abseits nach Norden), Frau Arnold ruft erregt in das Funkgerät: „Eine dicke gelbe Flasche von Gelb.“ Rauchzeichen schwarz über Fischmarkt usw., Gelb über Unterstadt.
Die Maschinen flogen jetzt über die Beobachterinnen hinweg. Auf einer Strecke von etwa einem Kilometer, das Pfeifen der Reihenwürfe. Frau Zacke brüllt in das Sprechgerät: Einschläge Breites Tor! Stäbchenbomben in Massen! Die Turmbeobachterinnen stellen ihre Meldungen ein, Klappstühle, Vorräte sind durcheinandergefallen. Frau Zacke weist Frau Arnold auf „Sturmwinde“ hin (Druckwellen der Explosionen). Die Frauen müssen sich besser festhalten.
Flüchten hatte keinen Sinn. Die Frauen zwingen sich, in der Hocke, beide Hände am Gesims, weiterhin zu den Maschinen hinzusehen, die als zweiter Pulk anfliegen, etwa 2000 m Höhe. „Kulk, Breiter Weg, Woort, Schuhstraße, Paulsplan.“ Sie flüstern schulmäßig die Angaben, wie sie ausgebildet sind, leiten sie aber nicht mehr weiter. Sie haben den Eindruck, „dass der Turm sich bewegt“. Frau Zacke sieht in Richtung Domplatz, d.h. nordwestlich. Dort krachen Bomben in die Häuser Burggang. Frau Zacke sagt: „Die grasen die Stadt ab.“ Die Frauen legen sich jetzt lieber flach hin. Frau Arnold hat den Kopf dicht neben dem Gerät. Was soll sie hineinsagen? Dass sie momentan keine Ausweichmöglichkeit sieht? Obwohl sie gerne von hier ausweichen würde?
Den Treffer ins Rathaus sieht sie.
Frau Zacke greift sich das Sprechgerät und brüllt mit Eifer etwas hinein. Es ist ihr von einem sympathischen Flakoffizier, der eine Flasche Nordhäuser spendiert hat, gesagt worden: sie soll auf nichts achten, sondern melden. Solange sie hier hockt oder liegt, hat sie deshalb den festen Willen, in das Gerät „hineinzuheulen“. Die Turmbeobachterinnen haben die Bezeichnung „Hyänen“, weil sie „in der Verzweiflung heulen“, ein „Witz“ des Ausbilders. Unter den Frauen ist die Holzverschalung des Turms innen in Brand geraten, auch Teile der Turmhaube. Flammen „klackern“ vom Turm auf die Häuser seitlich des Martiniplans. Es brennen: Café Deesen, Krebsschere, „Saure Schnauze“ usf.
Frau Zacke will nicht auf dem steinernen Gesims des Turmumgangs „abbrennen“, sie pufft die Turmbeobachterin Arnold in die Seite, reißt Klappstuhl, Fernglas, Funksprechgerät an sich und rennt in den Turm hinein, die Holztreppe nach unten. Hinter ihr trappelt Frau Arnold. Ein starker Luftzug oder Sturm drückt die Frauen an das Geländer. Unterwegs ruft Frau Zacke ins Gerät: „Kirche brennt. Sind unterwegs.“ Der Unterbau der Treppe rutscht unter ihren laufenden Füßen nach unten durch eine Flammensäule hindurch und kracht auf den Turmfundamenten auf. Frau Arnold, die unter brennenden Balken liegt, rührt sich nicht, antwortet nicht auf Rufe von Frau Zacke, deren Oberschenkel gebrochen ist. Sie liegt unterhalb des Brandes in der Nähe der kleinen Tür zum Kirchenschiff, zu der sie „hinrobbt“, indem sie den Unterkörper samt Schmerzen nachschleift („treckt“). Sie zieht sich an einer Steinstrebe in die Höhe der Tür, so dass Arme und Kopf den unteren Teil der verschlossenen Tür erreichen. Sie ruft um Hilfe, pocht mit einer Hand an die Türbohle. Einige Zeit bewußtlos, danach sammelt sie sich, pocht.
Es gehen Stunden hin. Frau Arnold, von dieser Position der Frau Zacke nicht mehr zu sehen, hört nicht, gibt kein Zeichen. Der Innenausbau des Turms brennt Station für Station herunter. Auf dem Schutt aus Steinen und verbranntem Holz, der sich auf Frau Arnold gesetzt hat, steht die Glocke, die aus ihrem Gehänge oben auf das Fundament des Turms herabgerutscht ist. Frau Zacke fühlt sich von dem glühenden Holzberg und der Glocke im Rücken „bebraten“.

„Essels un Apen,
das gluowet und hofft,
wird Bedde vorkofft!
Muot up en Struohsack slapen.“

Frau Zacke hat keinen Strohsack, sondern hält sich aufgerichtet auf einem Bein, das ihr einschläft, gestützt außerdem mit einem Arm an einem Steinvorsprung. Der nach außen gedrehte, gebrochene Oberschenkel „zieht nach unten“, und das ist „eine Quälerei“. Sie kann natürlich was erzählen, falls sie noch gerettet wird.
Warum holt niemend sie (und die tote Frau Arnold, wenn ja niemand weiß, ob sie nicht noch lebt) aus dieser Lage, nachdem die Luftschutzorganisation sie hier aufgestellt hat? Frau Zacke hat Angriffsbeobachtungen durchgeführt am 11. Januar 44, 22. Februar 44, 30. Mai 44, dann hat sie allerdings 14. Februar 45 und 19. Februar 45 (Junkerswerke) versäumt, weil die andere Hyäne Dienst hatte.
Sie findet eine Stange, ausgeglühtes Eisen, es muss spät in der Nacht sein, und stößt damit gegen die Tür. In das Kirchenschiff haben sich Flüchtlinge aus den Häusern Martiniplan gerettet. Sie haben in Seitenkapellen den Einsturz des brennenden Kirchendaches überlebt, öffnen jetzt für Frau Zacke, die unterhalb der Tür hängt, ziehen sie in das Kirchenschiff. Danke sehr, sagt sie.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Die Hochzeit im Roß
Ich war heute früh um 6 Uhr hier und habe geguckt. Wollte euch nicht hierherlaufen lassen, und nichts ist vorbereitet. Blumen und alles. Das sagte die Brautmutter, als sie vom Dom her ankamen und das geschmückte Notfrühstück sahen: die Batterie Harzbräu-Bier, 4 Flaschen Mosel, das, was das Hotel aus seinen Beständen aufgebaut hatte; Schinken, Butter, 2 Topfkuchen waren von der Brautseite hinzugefügt.
Um 11.20 Uhr dann Vollalarm. Die dienstverpflichtete Kellnerin sagte: Sie müssen unbedingt in den Keller. Das wußten die Hotelgäste selber. Sie quasselten sich durch die Tür, den Flur entlang, die beige gestrichene Kellertreppe hinunter: die Braut (aus der Unterstadt), zur Zeit bei Junkers dienstverpflichtet, Bräutigam (ein Schwerbeton-Ingenieur), Brautmutter, Gegen-Mutter, 4 Schwestern der Brautmutter, eine Schwester der Braut, deren Bruder, der aber nur bis zur Kellertür begleitete, da er als Luftschutzwart verpflichtet war, mußte also wieder raus, 4 Kinder aus dem Clan der Braut, die Blumen gestreut haben. Zwölf Minuten später sind alle verschüttet.
Ich hoffe, dass sie sofort erstickt sind, sagte der Bruder der Braut, der am folgenden Tag im Trümmerberg herumsuchte.
Die Hochzeitsgesellschaft hatte nach der Zeremonie im Dom, die länger dauerte, weil noch 2 Paare vor ihnen waren, etwa 40 Minuten im Roß Zeit gehabt. Der Bruder der Braut hatte ein Koffergrammophon mitgebracht und das „Lieblingslied“ der Braut abgespielt.

„Träum mein kleines Baby,
du wirst eine Lady,
und ich wird ein reicher Kavalier.“

Danach wies die Mutter der Braut auf den gedeckten Tisch, teilte Teller aus. Und wer nicht will, sagte sie, der hat schon. Und wer nicht hat, erwiderte die Gegen-Mutter, der kriegt noch. Die Trauzeugen legten ihre Teller vor. Das soll Lissy bleiben lassen! Sagte die Mutter. Und wenn ich von Edeltraud keine Nachricht habe,trage ich das mit Würde. Die Gegen-Mutter unterstützt sie: Da gehst du nicht hin. Du gehst Edeltraud keinen Schritt entgegen, und die Wohnung, fuhr die Brautmutter fort, putze ich keinmal. Auch die Fenster nicht. Richtig so, sagte die Gegen-Mutter.
Was liest du da, fragte Gerda, eine der Schwestern der Brautmutter, die Lehrerin war, das achtjährige Blumenstreu-Kind, den Jungen von Hanna. Ach, du liest im Opernführer? Das ist gut so. Das Kind liest immer. Was liest es denn? Rief die Gegen-Mutter. Im Opernführer! Das Kind las schon in der Kirche und jetzt seit einigen Minuten die blockquotesangabe einer Oper nach der anderen.
Die Kränze habe ich weggeräumt. Schwester Hanna spricht damit eine Gefahr an, die die Stimmung des Tages töten konnte. In der Familie der Braut liegt ein Todesfall erst zwei Wochen zurück. Die Kränze weg, sagt deshalb Hanna, und Petunien hin. Damit es zu diesem Tage besser passt. Ich habe das beschleunigt. Kies dürfen wir nicht hinmachen. Aber im September wird nochmal aufgehügelt. Dann ist das auch weg. Es ist ja schon einige Tage Abstand.
Sie will der Stimmung aufhelfen und sagt deshalb Prost. Die schönen Brautgeschenke, sagt Gerda.
Man wollte bis 13 Uhr hier fertig sein, danach Mittagessen in der Wohnung Gröperstraße, Kaffeetafel bei der Großtante der Braut, die nicht gehfähig ist, abends sind Tische im Lokal Saure Schnauze bestellt. Der Bräutigam ist den folgenden Tag, Montag, nach Barby/Elbe disponiert.
Die Brautleute reden kaum miteinander. Es herrscht Befangenheit. Vor Ablauf einer Stunde soll sich das ändern, daran werken Brautmutter und Gegen-Mutter. Es besteht nämlich eine wirkliche Gefahr: Bräutigam ist hervorgegangen aus einer besitzenden Familie in Köln. Die Halberstädterin, seine Braut, dagegen kommt aus der Unterstadt, Familie ohne Vermögen. Das Du rutscht noch nicht so recht zwischen den gegnerischen Familienverbänden (außer zwischen den Brautleuten, die die Sache angezettelt hatten, jetzt aber schwiegen). Man hoffte in der Braut-Familie auf einen krisenfreien Tag bis zur Ablieferung des Paares in deren Zimmer im Roß nachts 1 Uhr (oder Abtretung eines Schlafzimmers in der Wohnung Gröperstraße, dies war ja nun egal). Dann wäre auch diese Feier abgepfiffen. Zuvor schon das Abtrauern in kürzester Gangart. Der Familienteil fühlte sich überanstrengt. Wie gesagt, es entkam keiner.
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Aus der »Chronik der Gefühle« von Alexander Kluge

Maulwürfe
Dieser öffentliche Luftschutzraum fasst 120 Menschen. Es sind etwa 60 gekommen, die auf Gartenstühlen, Hockern, Pritschen, Bänken im Licht der Kellerglühbirnen sitzen oder auf ihrem Gepäck Platz genommen haben. Als das „schüttelnde Brummen“ sich steigert, darauf Pfeifen der Abwürfe, rennen noch einige Personen durch die Schleusen herein, die von den Luftschutzwarten verriegelt werden. „Einschläge im Nahbereich“ sagt der Luftschutzleiter. Die Glühbirnen flackern, gehen aus. Wir rutschen von den Sitzen auf den Kellerfußboden, kommen über den Gliedern anderer zu liegen. Eine Menge der Insassen stürmt nach der ersten Einschlagserie in Richtung der Schleuse, will raus. Die Gruppe der Luftschutzwarte wirft sich ihnen entgegen. „Es ist verboten, den Luftschutzraum während des Angriffs zu verlassen.“
Jetzt erkundeten aber Männer und Frauen mit Stablampen zu den Mauerdurchbrüchen hin. Keiner will in der Dunkelheit bleiben. Sie wollen sehen, was los ist. Sie kommen zurück, tuscheln. Die Schleuse lässt sich nicht öffnen. Gruppen werden eingeteilt. Zwei Verwundete, von denen ich später erfahre, dass sie zum Lazarett im „Domklub“ gehörten, und die vom Sonntagsspaziergang in unseren öffentlichen Luftschutzkeller geflüchtet waren, drängelten sich zu den Warten und führten eine Gruppe von Frauen an, die mit Picken und Schaufeln den Mauerdurchbruch zum Nachbarkeller öffneten, hinter ihnen in Grüppchen von acht bis zehn Personen eine von den Luftschutzwarten organisierte Schlange unserer verschütteten Gemeinschaft. Wir erkundeten den Nachbarkeller, in dem vier Erstickte lagen. Ausgänge verschüttet. Unter Leitung der zwei Gefreiten durchstoßen wir mit Pickel und Eisenstangen den Durchbruch zu Haus Nr. 64, das wissen wir nicht, sondern es wird geflüstert, aber wir sehen in diesem Keller schon den Schamott, angeleuchtet von unseren Taschenlampen, die auf Daumendruck schnurren. Auch die Kellertreppe herunter Müll. Wir finden den Durchbruch zum Haus Nr. 66. In diesem Keller mussten wir suchen. Es war kein Durchbruch zu finden. Die Schlange hinter uns drängte. Einige von der Spitzengruppe konnten die Arme nicht mehr so wie zu Anfang bewegen, werden ersetzt. Ist ein Mann oder eine Frau mit starken Armen da hinten? Trude Willeke kam vor, übernahm die Picke. Wir rücken dann ein Gestell mit eingemachter Marmelade beiseite, die Gläser fallen, auch Spargel und Bohnen, und hinter diesem Matsch der Durchbruch. Wir kommen in einen ganz ordentlichen, gekalkten Keller, aber sowie wir die Kellertür aufgebrochen hatten nach oben – Gestein und Balken. Die Gefreiten sagten deshalb: Hier kommen wir nicht durch. Wir blieben also unterirdisch, sollten aber wenigstens das Gepäck, das einige mitschleppten, hier stehenlassen. Danach öffneten wir mit den Picken und Eisenstangen den Durchbruch zum Gebäude „Schlegelbräu“. Hier sehen wir Staub- und Rauchwolken eindringen. Die Eisenläden zu den Kellerfenstern sind gesprengt, Dämmerlicht von außen. Hinter uns die geführte Schlange. In diesem Moment die (wie wir später erfahren) vierte und fünfte Angriffswelle. Wir legten uns eng an den Boden. In den Seitenräumen klirren die Flaschen. Kletterten dann am Heineplatz-Gebäude empor, hinter uns etwa 70 Menschen, wie ein Kinderhort geführt, über einen Schuttkegel von Häusergröße, und sahen die Quedlinburger Straße, von Brocken übersät, an dem Reservelazarett vorbei, Schlachthausmauer entlang. Wir ziehen gepäcklos durch den Wald und werden in der „Langen Höhle“ abgegeben, d.h., Vertreter der SA und der NSV, die die Aufsicht hier haben, übernehmen uns.
Was das im Keller des Hauses vor dem Schlegelbräu versteckte Gepäck angeht, so war es, als wir am folgenden Tag nachsahen, verschwunden. Das traf uns sehr. Wir fanden aber keine Stelle, an der wir Rache nehmen konnten.