FORUMSBEITRÄGE


Horst Henf 8.9.2007, 14.57 Uhr
Nein, ich habe den Bombenangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 nicht erlebt. An diesem Tage, ich erinnere mich noch, schien die Sonne, es war ein strahlend blauer Himmel. Über Hessen flogen Welle um Welle amerikanische Bombenflugzeuge. Sie glitzerten in der Sonne. Dann begann die Erde zu zittern, ja ich spürte dieses trotz der Entfernung von Hessen bis Halberstadt. Die Bewohner von Hessen wussten es nicht, aber sie ahnten, das ist Halberstadt. An diesem Tage war am Morgen meine Schwester Gertrud mit einer Freundin nach Halberstadt gefahren. Meine Mutter, meine Schwester und ich hatten am 24. Januar 1945 unsere ostpreußische Heimat verlassen und hatten am 12. Februar in Hessen eine neue Heimat gefunden. Dazwischen lagen die Tage der Flucht bei -23°C, mit Fahrzeugen der Wehrmacht, in Güterwagen, zu Fuß, mit der Eisenbahn bis Berlin. Am 3. Februar 1945 erlebten wir den schwersten Angriff auf Berlin, waren unter den Trümmern unserer vorübergehenden Unterkunft verschüttet, sind buchstäblich inmitten des Feuers gelaufen, haben überlebt. Dachten dass wir nun alles hinter uns hatten. Nun war also meine Schwester in Halberstadt. Mutter und ich haben gebangt. Am Abend kam Gertrud nach Hause. Schmutzig, gezeichnet, aber sie lebte. Die Frage: Warum das alles? Wer wird sie uns beantworten.

diana keles 21.1.2006, 11.42 Uhr
seit ich denken kann versuche ich mich mit der geschicht halberstadts auseinander zu setzen.Und gerade mit dem 08.04..warum wurde halberstadt so zerstört, warum wurde auf die zivielbevölkerung geschossen als die sich in den höhlen von spiegelsberge in sicherheit bringen wollten und und und..war halberstadt so kriegswichtig das für die alleierten nur eine komplete zerstörung in frage kam??Halberstadt hatte seinen teil für diesen krieg bei getragen, gab es doch die junkerswerke die kriegsmaterial herstellten. und wir dürfen auch nicht vergessen wie haben sich die engländer gefühlt als deutsche bomber ihre städte zerstörten. Und trotzallem bin ich der meinung das die zerstörung halberstadts sinnlos war..ich habe in der schule gelernt das die bomber doch eigentlich magdeburg anflogen und dann versehentlich halberstadt bombadierten.. jetzt nach sovielen jahren lernt man das genau halberstadt das ziel war unter den namen operation sardine..es würde mich freuen wenn sich jemand mit mir in verbindung setzen würde der mir mehr zu den geschehnissen des 8. aprils erzählen kann meine e-mail adresse puszta@hotmail.de danke

Für das Selbstmitleid 30.11.2005, 09.48 Uhr
http://stephanjegielka.blogspot.com/2005/09/kz-auenlager-genshagen.html

Rosemarie Kirsch, Berlin 23.4.2005, 11.56 Uhr
Ich habe nach meiner Sturzgeburt während eines Fliegeralarms im August 1944 den Bombenangriff am 8. April 1945 als Säugling im Alter von acht Monaten in den Spiegelsberge-Höhlen erlebt und bin unmittelbar danach an einer schweren Lungenentzündung fast gestorben -habe aber ü b e r lebt. Erst mit über 50 Jahren habe ich begonnen zu begreifen, in welchem Ausmaß diese extreme Traumatisierung mein ganzes Leben grundlegend bestimmt hat. Meine damals 25-jährige Mutter war damals- wie fast alle Frauen - alleingelassen mit drei kleinen Kindern und wieder schwanger. Darüber hat sie später nie gesprochen. Sie war selbst so sehr traumatisiert und in den folgenden Tagen und Monaten noch vielfachen extremen traumatisierenden Bedrohungen ausgesetzt, daß sie nie in der Lage war, über die Ereignisse mehr als bruchstückhaft zu sprechen. Dies trifft ja auf sehr, sehr viele Menschen zu, die ein schweres Trauma erleben. Diese Verdrängung hat ja die westdeutsche Politik und Geschichte vielfach bestimmt, während sich in Ostdeutschland das politische System immerhin mit dem Antifaschismus legitimierte, aber die persönliche Leidensgeschichte der Bevölkerung nur politisch zensiert gestattete. Jodoch gerade durch das jeweils spezifische Verschweigen der persönlichen Erlebnisse bleiben diese als lebenslange unbewußte Belastung für die betroffenen Menschen erhalten. Am schlimmsten trifft es - im Gegensatz zu landläufigen Meinungen - die Kinder, je jünger sie sind umso mehr, wie in meinem Fall. Denn das Schreckliche ist ihrem Bewußtsein nicht zugänglich und kann als Unbewußtes daher auch nicht seelisch verarbeitet werden, vor allem, wenn ein schützender Kontext fehlt. Meine damals vierjährige Schwester hatte Erinnerungen an die Ereignisse damals und ist anders damit umgegangen als ich. Sie hatte niemals Fragen wie ich. Aber die Angst hat auch sie lebenslang begleitet und ihr Leben geprägt, sie bekam als Kind ein schweres Asthma und ist Mitte fünfzig an diesem Asthma gestorben. Da meine Verwandten alle tot sind, konnte ich bisher nur äußerst bruchstückhaft die Geschichte meiner Familie in dieser Zeit rekonstruieren. Vor der Wende war dies durch die Teilung Deutschlands gar nicht möglich, aber ich verspürte auch damals keine so drängende innere Notwendigkeit dazu. Erst mit einem Besuch im Oktober 2004 in Halberstadt haben sich diese wenigen Erinnerungen zusammengefügt, so daß es jetzt für mich persönlich wichtig geworden ist, die damaligen Ereignisse in Halberstadt für mich zu ordnen. Dabei ist es ja bedeutungsvoll und nicht etwa zufällig, daß dieses große Bedürfnis nach Aufarbeitung der persönlichen Geschichte fast epidemisch deutschlandweit und sogar weltweit (z.B.China/ Japan)nach 60 Jahren stattfindet, nicht nach 50 Jahren, einem halben Jahrhundert oder nach 10 Jahren. Nach 60 Jahren schließt sich nach den mythologischen Auffassungen etwa der chinesischen Kultur ein Lebenskreis. Daher habe ich meinen 60. Geburtstag mit meinen Kindern und Enkeln in Halberstadt gefeiert und diese Stadt mit Freude und Stolz als altes bedeutendes Zentrum deutscher Geschichte kennen gelernt. Mit großer Anteilnahme habe ich die Berichte der Überlebenden gelesen und ich würde sehr gern genaueres und mehr wissen. In welchem Rahmen wäre das möglich? Gibt es noch jemanden, der ebenfalls damals am 8. April in den Spiegelsberge-Höhlen war? Gibt es jemanden, der ebenfalls auf dem Fliegerhorst wohnte und seine Wohnung mit dem Einzug der Amerikaner innerhalb von 20 Minuten verlassen mußte, wie es meiner Mutter mit drei Kindern geschah? Dieses Vorgehen des damaligen Captain der Army war ja beeinflußt durch das KZ Langenstein 4 km entfernt. Das verstehe ich. Und welche Auswirkungen hatte die Existenz dieses Lagers auf die Seelen der Menschen in der Umgebung? Was gibt es noch an Erinnerungen und eventuellen Berichten über die anderen Zwangsarbeiter-Lager in Halberstadt und Umgebung? So hatte meine Mutter ein sog. "Pflichtjahrmädchen" aus der Ukraine oder Belorußland, das schwanger war und nach einem Brief meiner Mutter "auf eigenen Wunsch ins Lager zurückkehrte, um dort im Lager unter ihren Landsleuten ihr Kind zur Welt zu bringen". Was ist aus diesem und den anderen Kindern geworden? Erst 59 Jahre nach Kriegsende habe ich von dem Lager Langenstein erfahren und davon, daß die ältere Schwester meiner Mutter mit einem SS-Offizier verheiratet war und in einer "Villa"/ Haus (?) nahe am Bahnhof Langenstein lebte. Warum wohl dort? Ich zähle drei und drei zusammen... Meine Tante ist hochschwanger kurz nach meiner Geburt gestorben und ihre beiden Kinder kamen bis Kriegsende in ein Lebensborn-Heim (??). Der Vater war nach dem Krieg im westdeutschen Geheimdienst und Unterlagen über ihn gibt es im Lager Langenstein nicht - aber die Amerikaner haben ja alle wichtigen Unterlagen fortgenommen. Ich selbst habe mich 40 Jahre meines Lebens im Westen mit dem Faschismus auseinandergesetzt, habe Geschichte studiert und als Lehrerin versucht,meinen Schülern nicht nur Wissen, sondern auch Grundhaltungen zu vermitteln. Aber die persönliche Seite meiner Lebensgeschichte im Kontext von Faschismus und Krieg drängt erst jetzt, seit wenigen Jahren, sichtbar an die Oberfläche ins Bewußtsein. Vier tote Kinder im engen Familienkreis haben seit damals mein Überleben überschattet, ohne daß ich es wußte: das ungeborene Kind meiner Tante vom September 44, das Kind der jungen ukrainischen Zwangsarbeiterin, das ungeborene Kind meiner Mutter, die beim Abzug der Amerikaner Ende April 44 hochschwanger war - das Kind das nicht geboren wurde (warum?) und mein Bruder, der 46 an Diphterie starb, die ich nur knapp überlebte. Über Brief- oder Gesprächskontakte in und über Halberstadt würde ich mich sehr freuen! Rosemarie Kirsch

Rolf Hoffmann 11.4.2005, 18.37 Uhr
Zu meinen Ausführungen vom 08.04.05 muss ich noch was ergänzen: In den Stellungen der 8,8cm. Flakkanonen-die ich gesehen, gab es einige Bunker mit Sondermunition mit bunten Farbringen gekennzeichnet; die Schlüssel dafür waren in einem Art Feuermelderkasten mit Glasscheibe aufbewahrt. Uns wurde gesagt das diese Munition nur auf Sonderbefehl verwendet werden darf. Während meiner Dienstzeit wurde diese Munition nicht verwendet. Später nach dem Krieg las ich in einer Zeitschrift-(Raeders-Digest?),dass diese Munition nur einmal verwendet wurde; sofort kam über die Schweiz Protest wegen unerlaubter Kriegswaffen.Dabei wurde auch berichtet,dass in den Granaten Phosphor enthalten sein sollte,dass in 60 kleineren Granaten gestreut wurde. bei dem einmaligen Einsatz soll es erhebliche Verluste gegeben haben.

Daniel Flick 9.4.2005, 14.37 Uhr
Dieser Angriff auf Halberstadt war genauso wie der Angriff auf Dresden nur eine vernichtung der Ziwielbevölkerung Deutschlands. Der Krieg war schon lange ferloren trotzdem wurde dieser Angriff durchgeführt und genau dass kann ich nicht ferstehen da in Halberstadt fast nur Ziwilisten waren!Ich war nicht bei dem Angriff dabei aber ich beschäftiege mich viel mit dem 2 Weltkrieg ! Und ich bekomme auch noch viele Geschichten von meinem opa erzählt ! der im 2 Weltkrieg in Siegen lebte er war am ende dess Krieges 14 und hatte glück nicht als letztes aufgebot Hitlers in den Krieg zu müssen! Darüber binn ich sehr froh. Aber die Deutschen Soldaten die in diesem Krieg starben tuhen mir sehr leid ,weil sie starben für einen größenwansienigen Führer der ihnen und ihren Famielien nur schlechtes brachte! Allen Frauen die damals ihre Männer verloren haben gebe ich mein herzlichstes beileid!

Rolf Hoffmann 8.4.2005, 21.16 Uhr
Als ausgebombter Halberstädter kann ich es heute noch nicht verstehen warum kurz vor dem Einmarsch der Befreier der Bombenangriff geschah.Es war doch keine funktionierende Gegenwehr mehr vorhanden. Ich war vorher als Luftwaffenhelfer bei der Flak im Raum Leipzig für uns war der Krieg eigentlich schon zur Jahreswende 1944/45 zu Ende. Die Flakstellungen wurden aufgelöst und wir wurden nach Hause geschickt.Ich vermute,dass da eine Generalität sich eine bessere Ausgangsposition bei den Siegermächten gedacht hat.Es war schon vorher deutlich Fühl-und Sichtbar, dass es nach der Befehlsübernahme Hitlers über die gesamte Armee es Spannungen zwischen dem Offizierskorps und den Hitleranhängern gab.Kaum zu Hause angekommen wurde ich von den Nazis zu einer "Letzte Hoffnung-Division" zur Ostfront eingezogen.So bin ich zumindest dem Bombenangriff entkommen.

Wolfgang Blau, geb. 1943 in Halb 8.4.2005, 17.51 Uhr
Glückwunsch zu der gelungenen Aktion! Ich habe den Angriff in Halberstadt mitgemacht, im Keller, auf dem Schoß meiner Mutter. Ich war zu klein, um mich daran erinnern zu können. Aber ich habe die Geschichte oft genug von meinen Eltern, die durch ein Wunder mit mir überlebten, erzählt bekommen. Mit vier Jahren habe ich Halberstadt verlassen, war aber mit sechs Jahren noch einmal zu Besuch bei einer Großtante. Ich kann mich noch an die zerstörte Martinikirche, in der ich - wie mir versichert wurde- getauft worden war, erinnern und an die zerstörte Turmuhr, deren Zeiger damals aber noch die Stunde des Angriffs angezeigt hatten. Bei aller Würdigung der schweren Schuld, die das deutsche Volk auf sich geladen hat und ohne das jemals zu vergessen, ist es aber eben doch kein Geschichtsrevisionismus, was Herr Friedrich mit seinem Buch betreibt. Es ist notwendig auch das zu wissen, eben auch deshalb, damit sich das und jenes, was dazu führte, sich nicht wiederholt. Wie tragisch der Angriff auf Halberstadt kurz vor der Besetzung durch amerikanische Truppen war, braucht nicht erwähnt zu werden. Auch der schreckliche Angriff auf das barocke und klassizistische Potsdam am 14. April 1945 ist trotz des "Tages von Potsdam" im Jahre 1933 äußerst tragisch. Es sollte keiner den Menschen das Recht streitig machen, des 60. Jahrestag der Zerstörung der Heimatstadt zu gedenken. Gegen Missbrauch ist der Anständige machtlos. Hitler liebte Wagner und trotzdem lieben sehr viele Menschen diese Musik auch heute ohne deshalb gleich Nazi zu sein. Unsere jungen Leute haben es leichter hart zu urteilen. Man kann nur hoffen, dass ihnen allen eine glückliche Zukunft beschieden sein werde.

Klaus Teinzer - Berlin 8.4.2005, 02.22 Uhr
Was sollen so großkotzige Ausführungen eines Hasso Weges von "geschichtsrevsionistischen Spektakel"? Der 60. Jahrestag des Luftangriff auf Halberstadt sollte sehr wohl Anlaß sein aller Opfer des von den Nazis verusachten Krieges zu gedenken. Als Opfer sehe ich die deportierten Juden Halberstadts, die Häftlinge des KZ Langensteins, die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in den Junkerswerken arbeiten mußten. Unsere Trauer sollte aber auch den Opfern des sinnlosen Bombenangriff auf die Innenstadt von Halberstadt gelten. Sinnlos war er deshalb, weil militärstrategisch nichts bewirken konnte. Die Junkerswerke, der Fliegerhorst, die Kasernen blieben verschont. Die schönsten Fachwerke Halberstadts sind in Schutt und Asche versunken. Ich habe dieses Ereignis als Kind erlebt. Meine Mutter und ich sind während des Angriffs in die geschützte Unterbringung im Helgolandfelsen geflohen. Auf der Klußstr. strömten Frauen und Kinder in die Berge. Englische Tiefflieger machten sich ein Sport daraus immer in die panikartig fliehende Masse hinein zu schießen. Kurze Zeit danach sind die Amerikaner bei uns einmarschiert. Die Amerikaner verteilten an die Kinder Bonbons und Schokolade. Uns Kindern war es nicht bewußt, daß es die gleichen Soldaten waren, die ihre Bombenlast über unserer Stadt entleert hatten. Es war ein Aufatmen, endlich war der Krieg vorbei.

Hasso Wege 5.4.2005, 21.45 Uhr
Gedenkveranstaltungen dienen zum Nachdenken. Nachdenken nicht nur was unmittelbar geschehen ist, sondern auch Nachdenken wie es dazu kommen konnte. In diesem Sinne wird die Mahnung von Matthias Kramer sehr deutlich, Zitat: "Es dient ausschließlich der undifferenzierten Darstellung der Deutschen als Opfer, in denen die Unterschiede zwischen Opfern und Tätern verschwinden. Welches Geschichtbild soll eigentlich in Halberstadt vermittelt werden? Welche Initiativen gibt es um den 60.Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zu begehen? Was ist geplant, um diejenigen, die im Faschismus Widerstand geleistet haben, zu würdigen? Welchen Beitrag will die Stadt Halberstadt leisten, um deutlich zu machen, was geschichtliche Ursache und was, die daraus resultierende, Wirkung ist?" Und genau der letzte Satz wird der Würdigung der Opfer vom 08.April 1945 gerecht, indem wir Schlußfolgerungen aus den Ursachen ziehen. Die Überlebenden des 2. Weltkrieges, die die den Krieg miterlebten, als Opfer, Mitläufer und Ausführende werden von Jahr zu Jahr weniger. Was tun um die Gedenken zum Nachdenken werden zu lassen und nicht zu einem "geschichtsrevisionistische Spektakel"? Ich meine der 8. Mai 2005 und der 08. April 2005 sind dafür ein guter Anlass. Lassen wir es nicht zu das Geschichte verbrämt wird.

Abramovici Asriel- Haifa 2.4.2005, 18.42 Uhr
Wozu das alles? Leise Töne sind besser-:((

Werner Hack 28.3.2005, 21.21 Uhr
Bei allem Für und Wider der Diskussionen darf man doch die Frage in den Raum stellen:"War der Bombenangriff überhaupt noch Kriegsentscheidend"?

Matthias Kramer 24.3.2005, 07.40 Uhr
Mit der Lesung des Historikers Jörg Friedrich, wird das geschichtsrevisionistische Spektakel, welches unter dem Motto "Dem Gleich fehlt die Trauer" in Halberstadt veranstaltet wird, seinen würdigen Abschluss finden. Noch klingt uns der moralinsaure Aufruf der Empörung, über das Auftreten den NPD im sächsischen Landtag, in den Ohren. Warum eigentlich? Das was die Neofaschisten dort verkündeten, gehört heute zum Bestandteil gutbürgerlicher Geschichtswissenschaft. Von der "Katastrophe, die in der Geschichte bisher einmalig ist" und der "generalstabsmäßig geplante Vernichtungsaktion der alliierten Streitkräfte" ist es nur ein kleiner Schritt zum "Bombenholocaust der Alliierten". Das ist, u.a., ein Verdienst von Jörg Friedrich, nachzulesen in seinem Buch "Der Brand";. Was bisher als eventuelle grobe Nachlässigkeit gelten könnte, erweißt sich hiermit als Vorsatz. Die Geschichtsinterpretation von Friedrich diente offensichtlich als Regieplan, für das gegenwärtige Spektakel. Halberstadt das "Rothenburg des Ostens", in dem die Bürger fleißig an ihren Fachwerkhäusern herumwerkelten, bis zu jenem 8.April 1945. Dann kam der, vollkommen unerwartete und offensichtlich auch unbegründete, Luftangriff der Anti Hitler Koalition. Halberstadt war der Standort eines Konzentrationslager, der Rüstungsproduktion und der der deutschen Wehrmacht. Die NSDAP hatte unmissverständlich, vor 1933, ihre Ziele benannt. Trotzdem fand sie auch in Halberstadt ihre Wähler und Mitglieder. Schon die Neujahrsansprache des Landrates ließ das Schlimmste befürchten. Während er zwar auf die Bombardierung von Halberstadt einging, brachte er es fertig, nicht ein Wort zum 60.Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zu sagen. Und genau in diesem Geiste agieren die Veranstalter des Gedenkens. Es dient ausschließlich der undifferenzierten Darstellung der Deutschen als Opfer, in denen die Unterschiede zwischen Opfern und Tätern verschwinden. Welches Geschichtbild soll eigentlich in Halberstadt vermittelt werden.? Welche Initiativen gibt es um den 60.Jahrestag der Befreiung vom Faschismus zu begehen? Was ist geplant, um diejenigen, die im Faschismus Widerstand geleistet haben, zu würdigen? Welchen Beitrag will die Stadt Halberstadt leisten, um deutlich zu machen, was geschichtliche Ursache und was, die daraus resultierende, Wirkung ist?

Matthias Rösener 21.3.2005, 09.00 Uhr
Es ist fragwürdig, ob aus der Perspektive derjenigen, die sich, wie Rainer O. Neugebauer ganz zu Recht anmerkt, zu großen Teilen selbst als Träger eines menschliches Leben verachtenden Staates schuldig gemacht haben, die Luftangriffe der Engländer und Amerikaner zum Ende des 2. Weltkriegs zu verstehen sind. Victor Klemperer, von den Nationalsozialisten im Zuge der Nürnberger Gesetze seines Professorenamtes enthoben und später zu Zwangsarbeit verpflichtet, kommentierte die Angriffe nüchtern. "Unserem Leben droht nicht nur die Bombe", so Klemperer in seinen Tagebüchern, "sondern mehr noch die Gestapo." Auch in Halberstadt war, wenn ich richtig informiert bin, ein Gestapogefängnis, in dem gefoltert und gemordet wurde. Nicht für alle kann also Halberstadt vor dem 8. April 1945 etwas so "Gemütliches" gehabt haben, wie das Frau Christa Frentzen in ihrem Erlebnisbericht behauptet. Für einige waren die Geräusche der sich nähernden Flieger und der einschlagenden Bomben wohl deshalb auch "das Wunderbare", dem sie sehnsüchtig hinterher lauschten. So beschrieb Bruno Apitz in 'Nackt unter Wölfen' die Gefühle der Häftlinge des KZ Buchenwalds während der Luftangriffe der Amerikaner. "Befanden sich die Amerikaner näher, als zu hoffen und zu glauben war? Woher kam es her, das Bumsen und Rollen?", das waren die Fragen, die den Häftlingen, eingepfercht in ihren Baracken, bei vom Donnerlärm vibrierenden Wänden durch den Kopf gingen. Victor Klemperer schrieb in seinen Tagebüchern von Freude und verwies dabei auf die auch durch die Angriffe hervorgerufene "Katastrophenstimmung" der staatstreuen Deutschen. Sie sei "für uns Sternenträger zu neun Zehnteln freudig, zu einem angstvoll." Dieser "Katastrophenstimmung" hatte Klemperer letztendlich sein Leben zu verdanken. In den Wirren nach einem Bombenangriff gelang es ihm, vor der Gestapo zu fliehen. Weder aus dem Aufruf noch aus dem Programm zum Projekt "Dem Gleich fehlt die Trauer" ist für mich ersichtlich, wie auch den Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft im Gedenken zum 60. Jahrestag des Luftangriffs auf Halberstadt eine Stimme verliehen werden soll. Auch die Lesung von Jörg Friedrich am 9. April wird das nicht leisten. Sein 2003 erschienener Bestseller stellt den Luftkrieg in expressionistisch aufwallender Sprache als systematisches Kriegsverbrechen dar. Es trägt den beziehungsreichen Titel 'Der Brand'. Die wörtliche Übersetzung für "Holocaust" ist "das Brandopfer". Der Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ist damit Tür und Tor geöffnet. Empört wird zwar noch das rechte Vokabular vom "Bomben-Holocaust" zurückgewiesen, das mit der Erzählung von den Deutschen als Opfer angebotene Selbstbild aber als willkommene Entlastung angenommen. Vielleicht sollte man parallel zur Lesung von Jörg Friedrich eine Veranstaltung durchführen, in der Texte von Victor Klemperer, Georges Petit, Arno Lustiger, Bruno Apitz und anderen vorgestellt werden. Wir Halberstädter könnten dann mit der Teilnahme an der einen oder anderen Lesung deutlich machen, wie wir den Ereignissen am Ende des 2. Weltkriegs gedenken wollen.

Rainer O. Neugebauer 18.3.2005, 11.09 Uhr
Rainer O. Neugebauer Einiges fehlt. Zum 60. Jahrestag des Luftangriffs am 8. April 1945, bei dem etwas mehr als 1800 Menschen getötet wurden, findet in Halberstadt ein Gedenk- und Leseprojekt statt. Der Aufruf zu diesem Projekt "Dem Gleich fehlt die Trauer" wurde im letzten Jahr veröffentlicht und ist in gekürzter Form im Amtsblatt der Stadt Halberstadt vom 12. März auf der ersten Seite nachzulesen. So begrüßenswert die Idee des Gedenkens und Erinnerns ist, so stellt doch sich bei mir ein Unbehagen ein, weil einiges fehlt. Zunächst fehlt dem Motto ein 'e' und damit eine ganze Silbe und ein Zeilenfall. Dies sollte man nicht gering achten, handelt es sich doch um ein Zitat aus einem Gedicht von Hölderlin. In '(Die Nymphe) Mnemosyne.' heißt es am Schluß: "...; dem / Gleich fehlet die Trauer." Weiterhin fehlt eine Deutung: Was ist mit dem Verb fehlen gemeint: 'verfehlen', 'sündigen' oder 'nicht vorhanden sein'? Soll man Trauer als Verzweiflung, als Apathie, als Mattigkeit oder als Gegensatz zur Freude verstehen? Ist Gleich im Sinne von 'ein Gleiches' oder von 'sogleich' zu nehmen? Und wer ist mit dem gemeint? Dies sind nur einige Fragen, über die sich bis heute diejenigen Literaturwissenschaftler streiten, die versuchen, Hölderlins Worte zu interpretieren. Aber vielleicht ist diese Ungenauigkeit oder Offenheit bei diesem Projekt ja gewollt. Bis hierhin könnte man das Bemerkte als schöngeistige Krittelei übergehen, wenn dem Aufruf für das Projekt nicht auch noch Wichtigeres fehlte. Es fehlt die angemessene Einordnung des 8. April 1945 in das geschichtliche Umfeld. Es fehlen Hinweise auf Guernica, Warschau und London, es fehlen Hinweise auf den 9. November 1938, die Zerstörung der Halberstädter Synagoge, und auf den 12. April 1942, die Deportation der letzten Halberstädter Juden in die Vernichtungslager. Indem der Aufruf allein "den historischen Kontext und die politischen Umstände des Jahres 1945 " anspricht, ohne diesen Kontext oder einen Umstand konkret zu benennen, leistet er, sicherlich ungewollt, einer relativierenden Sicht auf die Kriegsursachen und auf die deutschen Verantwortlichkeiten Vorschub. Dies wird dadurch verstärkt, daß anderes im Überfluß vorhanden ist, nämlich das "Schicksal", also etwas, das dem menschlichen Willen und Handeln entzogen ist. Im Ursprungsaufruf taucht das Schicksal gleich dreimal in einem Satz auf und auch das Motto stammt ja aus einer tragischen Schicksals-Hymne. Eines sollte nicht verklärt werden, bei aller berechtigten Trauer um die deutschen Opfer, sie waren vielfach gleichzeitig auch Täter. Durch die Bomben getroffen wurde eine Bevölkerung, die sich zu großen Teilen selbst schuldig gemacht hatte als Trägerin eines menschliches Leben verachtenden Staates. Einigen ist das leider notwendige Erinnern an diese - eigentlich selbstverständlich zu bedenkenden - Zusammenhänge zuviel und es wird darauf bestanden, daß es am 8. April doch nur um Halberstadt ginge. Selbst dann fehlt etwas. Am 8. April 1945 war für die Häftlinge des KZ Langenstein-Zwieberge die mörderische Arbeit im Stollensystem ausgesetzt, einige mußten in den Trümmern von Halberstadt Aufräumarbeiten leisten. Vor allem aber stand am 8. April 1945 fest, daß die noch 'transportfähigen' Häftlinge am nächsten Tag 'evakuiert' würden. Das war der Beginn des Todesmarsches, auf dem in den nächsten Wochen etwa 2500 Häftlinge aus vielen europäischen Ländern erschossen wurden oder an Entkräftung starben. Ein Gedenken am 8. April 2005 darf dies nicht ausklammern. Der Aufruf "Dem Gleich fehlt die Trauer" tut dies leider, auch nachdem in der letzten Stadtratsitzung auf dieses Versäumnis hingewiesen worden ist. Daran ändert auch die wohlwollende Kooperation der Gedenkstätte mit dem Projekt nichts. Vom 7. bis 11. April kommen die letzten überlebenden Häftlinge des KZ Langenstein-Zwieberge nach Halberstadt, um an den 'Tagen der Begegnung', anläßlich der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner vor 60 Jahren, ihrer toten Kameraden zu gedenken. Darauf wird im Amtsblatt der Stadt Halberstadt an keiner Stelle hingewiesen. Ich hoffe, ich habe mein Unbehagen über den Aufruf "Dem Gleich fehlt die Trauer" nachvollziehbar machen können. Ich hoffe zugleich und wünsche mir, daß bei der Durchführung des Projektes selber in angemessener Weise die Darstellung der Verantwortung der Deutschen für den Zweiten Weltkrieg mit der Achtung vor den Erinnerungen und der Trauer der Dabeigewesenen verbunden wird. Sonst würde auch uns Nachgeborenen etwas fehlen, nämlich der verantwortliche Umgang mit unserer Vergangenheit. Und es wäre beschämend, wenn uns erst der Bundespräsident darauf aufmerksam machen würde.

Ursula Lehmann, geb. Gaber 18.3.2005, 09.39 Uhr
Auch ich erinnere mich sehr gut an den 8. April 1945. Obwohl wir davon nicht so viel abbekommen haben, denn meine Eltern sind im Juli 1941 zur Sargstedter Siedlung gezogen, sie hatten vorher in der Straße "Hinter der Münze " gewohnt. An diesem Sonntag stand ich mit meinem Vater auf der Eisenbahnbrücke Richtung Wernigerode, als sich am Himmel die "Weihnachtsbäume" stellten. Mit riesen Schritten sind wir dann nach Haus und gerade noch rechtzeitig im Luftschutzkeller verschwunden. Alle Hausbewohner waren ja schon dort. Weiter Erinnerungen fehlen, bis zu den Tagen, als sich die Amerikaner bei uns breitmachten. Auch da mußten wir im Keller leben, denn die Mannschaften haben die Wohnungen als Aufenthaltsräume benutzt. In unserer war wahrscheinlich ein Dienstzimmer, denn als wir wieder hoch durften,standen die noch vorhandenen Möbelstücke voller Gläser und sehr vieler Glasscherben, und ca 10 Radios. Als Kinder standen wir auf den Trockenplätzen und sahen zu , wie die Soldaten mit den schönen Taschentücher unserer Eltern ihre Jeeps putzten. Abgezogen sein müssen sie in der NAcht zwischen dem 21./22. April, denn eine nachbarin " Mieze Fischer " hatte alles essbare zusammengesammelt und mir auf einem Teller gereicht, ich hatte doch Geburtstag. Meine Antwort war:" Ach sind die nett, die Amerikaner, die wußten, dass ich Geburtstag habe."